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So will euch Putins Propaganda verwirren – Whataboutismen

von | Mrz 2, 2022 | Aktuelles, Kommentar, Ukraine

So plant Putins Propaganda, euch zu verwirren

Putin führt einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Damit kommt er nur durch, wenn genug seinen Lügen und seiner Propaganda Glauben schenken. Wenn genug Menschen bei ihm in Russland, aber auch im Rest der Welt zögern und verunsichert sind. Wenn unklar wird, wer im Recht und im Unrecht ist. Putins Propaganda muss niemanden überzeugen, dass er der „Gute“ ist, es reicht, wenn darüber Zweifel entstehen. Dazu lügt und täuscht Putins Propaganda-Maschine natürlich am laufenden Band. Doch Putins beste Propaganda sind nicht seine Lügen – sondern die Kritik, an der etwas Wahres dran ist.

Warte, was?

Damit keine Zweifel entstehen: Putin ist im Unrecht, ein Kriegsverbrecher und die Ukraine ist hier unzweifelhaft das Opfer. Putin und seine Armee sind zu 100% zu verurteilen, wir müssen völlig hinter der Ukraine stehen, wenn sie sich gegen die Invasion verteidigt und Putin stoppen. Aber abseits dieser Wahrheiten müssen wir auch feststellen, dass niemand perfekt ist. Um Putin zu stoppen dürfen wir uns nicht ablenken und verwirren lassen, wenn Putins Propaganda legitime Kritikpunkte findet, sie aufbauscht und versucht, in den Vordergrund vor seine Invasion und Lügen zu rücken. Sie werden als Whataboutismen verwendet, um von Putins Verbrechen abzulenken.

Wikipedia: „Whataboutism (von englisch What about …? „Was ist mit …?“, und -ism „-ismus“) bezeichnet ein rhetorisches Ablenkungsmanöver, bei dem eine kritische Frage oder ein kritisches Argument mit einer kritischen Gegenfrage erwidert wird, um von einem unliebsamen Gesprächs- oder Diskursgegenstand (Thema) abzulenken. Gleichzeitig wird die Kritik an eigenen Standpunkten oder Verhaltensweisen ignoriert und relativiert (A: „Langzeitarbeitslosigkeit bedeutet in Deutschland oft Armut.“ B: „Und was ist mit den Hungernden in Afrika und Asien?“).

Putins Propaganda hatte einen schlechten Start

Bisher war Putins Propaganda extrem unkoordiniert. Bis wenige Tage vor der Invasion noch versuchten die entsprechenden Outlets, alle zu überzeugen, dass die USA lügen würden und Russland gar keinen Angriff planten. Den Faktencheck haben wir alle live erlebt. Wenige Tage später taten Pro-Putin Kräfte dann genau das: Sie veröffentlichten klare Fake Videos, die einen Angriff auf den Donbass durch Ukrainer belegen sollten. Aber sie waren so schlecht gefaked, dass es sich hier um einen Boomerang handelte. Die Videos und Infos wurden extrem schnell widerlegt und Putins billige Lügen wurden enttarnt:

Faktenchecks: Putins False-Flag Fake News über die Ukraine

Daraufhin versuchte Putin weiter, seine Invasion durch gefährliches Geschwurbel zu rechtfertigen, die Ukraine sei quasi schon immer Teil von Russlands gewesen. Das Internet hatte für diese Argumentation nur Spott übrig:

So wird Putins Rechtfertigung für den Ukraine-Einmarsch verspottet

Das Scheitern der russischen Desinformationskampagne war einer der Gründe, warum die internationale Gemeinschaft so geeint und effektiv gegen die schweren Kriegsverbrechen und die Invasion vorging. Es wird immer schwerer für Putins Propaganda, von den Kriegsverbrechen abzulenken. Es wurde bereits durch OSINT Analysen bestätigt, dass Putins Streubomben Krankenhäuser, Kindergärten und Wohngebiete getroffen haben. Viele unschuldige Zivilisten sind tot durch den Wahnsinn eines Mannes: Putin.

RT DE leugnet Putins Streubomben gegen Kindergarten, Krankenhaus in der Ukraine

Die schlimmsten Videos zeigen wir euch hier gar nicht, weil sie so grausam sind. Putins sinnlose und völkerrechtswidrige Gewalt macht selbst vor Kindern keinen Halt. Es sind diese Bilder, die uns Putin vergessen lassen will. Von denen er ablenken will.

Neue Strategie: Diskurszerstörung – Richtige Dinge in böser Absicht sagen

Deutschland ist eine Demokratie. Dazu gehört auch, dass viele Themen kontrovers diskutiert werden. Ist es richtig, dass Deutschland nun Waffen liefert? Ist das geplante Verbot vom russischen Staatspropagandasender RT DE von der Meinungsfreiheit gedeckt? Zeigen viele Medien gerade rassistische Vorurteile gegenüber Flüchtlingen aus dem Nahen Osten? Wie beurteilen wir Neonazi-Regimenter in der ukrainischen Armee?

Das sind extrem wichtige Fragen und wir MÜSSEN sie diskutieren. Und das weiß auch Putin. Seine Strategie besteht jetzt darin, die offene Gesellschaft zu missbrauchen und Diskussionen, die mit gutem Willen geführt werden, für seine Zwecke zu nutzen.

BILD arbeitet schlampig wie immer und liefert Munition:

Ein Beispiel ist zum Beispiel die wie immer schlampige und fehleranfällige Berichterstattung der BILD. Mehrfach zeigte das Desinformationsmedium veraltete Bilder und stellte sie als aktuelle Ereignisse aus der Ukraine dar, eine „Augenzeugin“ wurde nicht wie erklärt aus Kjiv geschaltet – sondern aus Berlin (Quelle). Voreilige und aufbauschende Berichte liefern eine Steilvorlage für Putins Propaganda. Kann man auf die stets falsche Berichte der „BILD“ zeigen und unterstellen, „der Westen“ würde genau so mit gefälschten Bildern arbeiten wie Putins Propaganda.

Und ja, hier zerbricht die Allianz von Putin-Medien und Axel-Springer-Presse, die sonst gerne ihre Anti-Impf-Desinformation voneinander abgeschrieben haben. Und man verweist auf die gegenseitigen Fakes, um dem anderen Propaganda zu unterstellen. Wir haben ausführlich berichtet:

BILD zeigt mehrfach jahrealte Videos bei Berichten über Putins Invasion

Putins „Entnazifizierungs“-Lügen

Ein weiterer Whataboutismus-talking point der Putin-Medien ist das Gerede von „Entnazifizierung“. Die Demokratisch legitimierte Regierung ist für Putin eine „volksfeindliche Junta“. Eine Kriegsausrede von Putin ist, es sei notwendig, die Ukraine zu „entnazifizieren“. Und natürlich gibt es ukrainische Neonazis und Nationalisten der übelsten Sorte. In der Ukraine gibt es das rechtsextreme Freiwilligenregiment „Asow“, das nun Teil der ukrainischen Streitkräfte ist. Deren Neonazi-Ideologie ist auch alles andere als subtil, mit ihrem Symbol der 2. SS Panzerdivision.

Belltower News analysierte sie vor zwei Jahren: „Europaweit rekrutiert es Neonazis für den Kampf an der Front – insbesondere aus der National Socialist Black Metal-Szene (NSBM), einer musikalischen Subkultur, deren personelle Verstrickungen mit dem internationalen Neonazitum nur wenig bekannt sind. Sie spielt für die besorgniserregenden Entwicklungen des militanten ukrainischen Rechtsextremismus eine nicht zu unterschätzende Rolle.“

Das kann und soll man kritisieren können. Doch die Rechtsextremen sind jedoch nach wie vor eine kleine Minderheit im Land – bei den Wahlen 2019 erreichten Kandidaten und rechtsextreme Gruppen wie Svoboda bei weitem nicht die für den Einzug ins Parlament erforderliche Mindestquote von 5%. Selenskyj ist Jude und Nachfahre von Holocaust-Überlebenden.

Seit November letzten Jahres ist die Zahl der Berichte, in denen die Ukraine mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird, stark angestiegen, so Logically, ein Technologieunternehmen, das Hunderte von kremlfreundlichen Social-Media-Konten verfolgt hat (Quelle). Es ist klar, wie Putins Propaganda das nutzt: Um die Selbstverteidigung der Ukraine zu diskreditieren und seine eigene Invasion zu relativieren. Darauf dürfen wir uns nicht einlassen. Denn wenig überraschend hat Putin selbst Neonazi-Truppen.

Putins eigene Neonazis

.. und solche „Vordenker“:

Ausführlicherer Faktencheck:

Putins Propaganda-Mythos von „Entnazifizierung“ der Ukraine widerlegt

Fazit

Die erfolgreichste Putins Propaganda kann die werden, die uns ablenkt, Verwirrung stiftet und die klare Schuldfrage Putins verschleiert. Das dürfen wir nicht zu lassen. Es wird genug „echte“, kritisierenswerte Dinge geben, die auf der „anderen Seite“ passieren. Wir müssen legitime Diskurse, Fragen und Fehler auf eigenem Boden führen und uns nicht instrumentalisieren lassen. Aber es ist wichtig, dass wir (selbst)kritisch bleiben und stets bei der Wahrheit. Putin ist ein Verbrecher und ein Lügner und wir stehen völlig an der Seite der Ukraine. Wir müssen jedoch gut aufpassen, dass Putin nicht die Fehler der „Gegenseite“, „unsere“ Fehler zur Ablenkung nutzen kann.

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Text: Philip Kreißel, Thomas Laschyk. Artikelbild: pixabay.com, CC0

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