Studie: „Messermänner“ Mythos der AfD wissenschaftlich widerlegt

| AfD | 24. Januar 2022


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„Messermänner“ Mythos der AfD widerlegt

von Julia Segantini

In den vergangenen Jahren wurde das Thema „Messerkriminalität“ immer öfter öffentlich debattiert. Insbesondere die AfD „sorgte“ sich um eine angebliche Zunahme schwerer Gewalttaten, die mit Messern und vor allem von Nicht-Deutschen begangen würden. Von „Messermigration“ ist dabei oft die Rede. Was klingt, wie die Masseneinwanderung von scharfen Küchenutensilien, ist nichts anderes als das Schüren von Ängsten auf alle, die die AfD als „Ausländer“ und „Messer-Iraker“ bezeichnet.

So funktioniert das „Messer-Narrativ“ der AfD

Die AfD folgt dabei einem bestimmten Narrativ. Für die typische Strategie – erst das Problem schaffen und dann eine Lösung anbieten („Grenzen sichern!“) – müssen zunächst Ängste geweckt und Unsicherheiten verstärkt werden. Das Feindbild ist klar: gefährliche Migrant:innen, Geflüchtete, Ausländer:innen und diejenigen, die für solche halten. „Der Anteil der #Zuwanderer unter den Tatverdächtigen im Bereich der organisierten #Kriminalität steigt massiv an“, heißt es dann auf Twitter.

Bei Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, ist gar von „importierten, marodierenden, grapschenden, prügelnden, Messer stechenden Migrantenmobs“ die Rede. Schutzsuchende kämen in ein zuvor sicheres Land, „während Messer gezückt & Unschuldige in tödlicher Absicht angegriffen werden“. Die AfD schreckt auch nicht davor zurück, den Tod von Menschen für ihre Politik zu instrumentalisieren. Dazu kommen Suggestivfragen wie „Hat es das etwa immer schon gegeben?“ Begleitet werden solche Posts gerne mit für AfD-Anhänger:innen möglichst bedrohlich wirkenden Bildern.

Quelle: Twitter/AfDFraktionLSA

Um möglichst glaubhaft zu wirken, stützt sich die AfD gern auf Zahlen und Statistiken, die ihre „Sorgen“ angeblich stützen. Natürlich gibt es keine solchen Statistiken. „Fast 20.000 #Messer-Angriffe in einem Jahr!+++ Stark überproportional ist der Ausländeranteil“, behauptet die AfD trotzdem auf ihrem Twitteraccount und weiß den genauen Anteil der „ausländischen“ Täter:innen zu beziffern.

Allerdings fand hier eine komplette Fehlinterpretation zugunsten der AfD der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) von 2018 statt – leider teilweise auch durch einige seriöse Medien. Der Fehler: Man stützte sich auf viel zu ungenaue Zahlen und stellte falsche Rechnungen an. Wir hatten es damals hier analysiert:

Kriminalstatistik: Messer-Martin dreimal so kriminell wie Chorknabe Chalid?

Kein erhöhtes Gewaltproblem in Deutschland

Es gilt also eine simple Analogie: Einwanderung = Kriminalität. So funktioniert auch das „Messer-Narrativ“; Auch zur „Messerkriminalität“ will die AfD Zahlen haben, die einen massiven Anstieg an Straftaten durch messerschwingende Nicht-Deutsche verzeichnen. Schon 2019 hat der Volksverpetzer diese Behauptungen richtiggestellt. Schließlich war Deutschland ganz im Gegenteil so sicher wie seit 1993 nicht mehr. Grundsätzlich gilt Deutschland laut WHO als eines der Länder mit den niedrigsten Zahlen von Tötungen durch Messergewalt. Das sieht zum Beispiel in Großbritannien anders aus. Dort ist das Problem vor allem unter jungen Menschen weitaus ernsthafter. Trotzdem monierten seriöse und unseriöse deutsche Medien einen vermeintlichen Anstieg der Messerkriminalität und fußten ihre Befürchtungen scheinbar auf empirischen Daten. Dabei gibt es bis jetzt keine deutschlandweite Vergleichswerte, die eine Zu- oder Abnahme von Gewaltdelikten durch Messer hätten beweisen können.

Quelle: bild.de

Bisher gab es nämlich keine bundesweite separate Erfassung von Messern als Tatwaffe, was die AfD gekonnt ignorierte. In Deutschland fehlen diese Zahlen deshalb, weil Messergewalt – so makaber das klingt – ein recht „gewöhnlicher“ Tatbestand ist und bislang unter der allgemeinen Gewaltkriminalität geführt wurde. Nur einzelne Bundesländer, zum Beispiel das Saarland, führten bisher eine gesonderte Statistik für Messerdelikte, immer mehr Bundesländer folgen.

Ab Januar 2022 will die PKS des Bundes eine eigene Kategorie für das Messer als Tatwaffe einführen. So heißt es in der Antwort des Bundestags auf eine Kleine Anfrage der AfD. Als Messerangriffe gelten dann laut Bundeskriminalamt „solche Tathandlungen, bei denen der Angriff mit einem Messer unmittelbar gegen eine Person angedroht oder ausgeführt wird. Das bloße Mitführen eines Messers reicht hingegen für eine Erfassung als Messerangriff nicht aus“.

Studie widerlegt „Messermänner“-Mythos

Bis dahin bringt die Studie „Ausmaß und Entwicklung der Messerkriminalität in Deutschland“ neue Erkenntnisse für Rheinland-Pfalz. Spoiler: Wir wollen jetzt nicht sagen, wir haben es euch ja gesagt, aber tatsächlich hat der Volksverpetzer unter anderem hier und hier schon die Falschmeldungen der AfD debunked und die Ergebnisse der Studie vorweggenommen.

Die Grafik, die die AfD vertuschen will: Wer wirklich mit Messern angreift

Ob es in den Jahren zwischen 2013 und 2018 einen tatsächlichen Anstieg an Messergewalt gab, wie von AfD und einigen Medien behauptet, untersuchte erst diese Studie. Miteinbezogen wurde dabei unter anderem das Geschlecht der Täter:innen und die Staatsangehörigkeit. Diese Faktoren spielten auch für den Vergleich zwischen Messergewalt und der gesamten schweren Gewaltkriminalität eine Rolle. Relevant waren für die Studie alle abgeurteilte Fälle von versuchten oder vollendeten Verletzungen durch ein Messer oder konkreten Drohungen unter Verwendung eines Messers. In der untersuchten Gruppe aus 519 Personen wurden alle in mindestens einem Fall von schwerer Gewaltkriminalität in Rheinland-Pfalz verurteilt, davon fallen 12,7 Prozent unter die Messerkriminalität.

Statistisch gesehen, kann die Studie keinen relevanten Anstieg an Messerkriminalität feststellen: „Der leichte prozentuale Anstieg der Messerkriminalität von 10,7 % in 2013 auf 14,7 % in 2018 spiegelte keinen statistisch bedeutsamen Anstieg wider“. Die Zahlen wiesen zwar auf einen „ernst zu nehmenden Anteil an der schweren Gewaltkriminalität dar, allerdings lieferte die hiesige Studie keine Anhaltspunkte für einen dramatischen Anstieg oder gar eine ‚Messer-Epidemie‘“. Dass es sich bei den Täter:innen, wie gern von der AfD behauptet, vor allem um „junge Männer“ handelt, entspricht ebenfalls nicht der Realität. Zwar sind die meisten Messer-Täter:innen tatsächlich männlich (2013: 88,9 %, 2018: 94,9 %). Allerdings ist Gewalt durch Messer kein Problem unter jungen Menschen, sondern tritt in allen Alterskategorien auf.

Quelle: Twitter/Alice_Weidel

Anteil an Nichtdeutschen hat sich kaum verändert

Besonders enttäuschend für AfD und Anhänger:innen: „Innerhalb der gesamten schweren Gewalttäter/-innengruppe hatten 69,4 % der Täter/-innen die deutsche Staatsangehörigkeit, 2013 lag der Anteil bei 70,8 %, 2018 bei 68 %“. Etwas mehr als zwei Drittel der Täter:innen sind also deutsche Staatsbürger:innen. Auch in der Kategorie der Messerkriminalität sieht das nicht viel anders aus: Hier liegt der Anteil deutscher Täter:innen bei 63,6 % (2013: 74,1 %, 2018: 56,4 %). Bemerkenswert ist allerdings, dass Nicht-Deutsche häufiger verurteilt werden, als deutsche Staatsbürger:innen. Lag der Anteil nicht-deutscher und mit Messern bewaffneter Krimineller 2013 noch bei 25,9%, stieg der Anteil bis 2018 auf 43,6%. Der Anstieg ist nicht darauf zurück zu führen, dass einen signifikanten Anstieg an nicht-deutschen Straftäter:innen gegeben hätte.

Die Studie legt vielmehr nahe, dass die Anzeigebereitschaft einen wichtigen Faktor ausmacht. So werden nur etwa ein Drittel der Körperverletzungsdelikte überhaupt zur Anzeige gebracht. Achtung: Als nicht-deutsch gelesene Tatverdächtige werden etwa doppelt so oft bei der Polizei angezeigt wie deutsch gelesene Tatverdächtige. Befeuert wird das durch die starke mediale Berichterstattung über Taten von Nicht-Deutschen. Im Klartext: Überbetonte Berichterstattung über nicht-deutsche Tatverdächtige und AfD-Hetze führt zu einer verstärkten Anzeigebereitschaft gegen diese Menschen, wodurch mehr Anzeigen gegen sie als gegen „Deutsche“ zustande kommen.

Quelle: Mediendienst-Integration

Fazit: keine Evidenz für erhöhte Messerkriminalität – AfD hat gelogen

Anders als häufig dargestellt, gibt es also keine Evidenz dafür, dass Messerkriminalität unter der sonstigen Gewaltkriminalität, nun, heraussticht. Von einer „Messer-Epidemie“ oder einer „Messereinwanderung“ zu sprechen ist schlicht falsch und taugt nur als weiteres Beispiel für das rassistische Narrativ einer rechtspopulistischen und rechtsextremen Partei und für gedankenlose Berichterstattung.

Mit dieser Studie wissen wir, was längst zu vermuten war: „Ohnehin stellt das Maß der medialen Berichterstattung, in welchem insbesondere die Gewaltkriminalität generell und zuletzt auch die Messerkriminalität stark repräsentiert sind, selbstverständlich keinen Indikator für das tatsächliche Kriminalitätsaufkommen dar“. Die mediale Überbetonung des Themas und die breitgestreuten Lügen der AfD vermitteln ein verzerrtes und übertriebenes Bild der Realität, nach der quasi an jeder Ecke ein „Ausländer“ mit einem Messer lauert.

Die Ergebnisse der Studie zeigen dagegen, „dass es keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Messerkriminalität und schwerer Gewaltkriminalität insgesamt hinsichtlich der untersuchten Variablen, insbesondere der Staatsangehörigkeit, gibt. Auch ein massiver Anstieg der Messergewalt von 2013 auf 2018 konnte nicht nachgewiesen werden.“

Zum Thema:

Freiburg: AfD-Kommunalpolitiker greift Ersthelfer mit Messer an

Autorin: Julia Segantini Artikelbild: Screenshots/Collage von Volksverpetzer

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