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Kreml-PR unsicher: Isjum-Verbrechen Leugnen oder Feiern?

von | Sep 20, 2022 | Aktuelles, Hintergrund, Ukraine

Isjum: Russische Propaganda am Scheideweg

Die Kreml-Propaganda wird immer wirrer, je mehr Grausamkeiten russischer Truppen in der Ukraine offengelegt werden. Wir haben mehrere Faktenchecks, die belegen, wie Pro-Kreml-Accounts (potentielle) Kriegsverbrechen leugnen oder plötzlich was ganz anderes erzählen. Wie jetzt wohl in Isjum, so kommen die meisten Gräueltaten erst ans Licht, wenn die Ukraine die entsprechenden Gebiete zurückerobert und Beweise gesichert werden können. So war es beispielsweise in Butscha. Wir berichteten:

Und so ist es nun auch in Isjum, welches vor wenigen Tagen von russischen Truppen aufgegeben wurde. Die Kreml-Propaganda hatte schon im Vorfeld Lügen vorbereitet, aber mittlerweile fragen sich manche TV-Kommentatoren, ob man nicht einfach dazu stehen sollte, brutal und barbarisch zu sein, um Angst im Westen zu verbreiten. Aber zuerst die Fakten zu den neuen Leichenfunden in Isjum.

Kriegsverbrechen in Isjum?

Trigger-Warnung: Dieser Abschnitt enthält eingebettete Tweets mit graphischen Bildern. 

Sowohl in Isjum, als auch in Butscha gibt es starke Indizien für brutale Kriegsverbrechen durch russische Truppen. Allerdings gibt es auch Unterschiede. Hier ein Überblick.

In Isjum wurden mehrere Massengräber gefunden. Das größte enthält laut ersten Berichten über 400 Leichen. Das Grab ist offenbar nicht komplett neu, wie Mark Krutov von Radio Liberty berichtet:

Krutov berichtet aber weiter, dass die meisten Beerdigungen unter russischer Besatzung stattfanden, wie die Papier-Dokumentationen zeigen. Auch das Verteidigungsministerium der Ukraine gibt an, dass Opfer des Krieges dort bereits vor der russischen Besatzung beerdigt wurden. Zum Beispiel eine Familie inklusive Kinder, deren Haus laut ukrainischen Angaben von einer Bombe zerstört wurde:

Auch Journalistin Liz Cookman (Guardian/Washington Post) bestätigt, dass die meisten durch Beschuss starben, aber einige Leichen Folterspuren aufwiesen oder gefesselte Hände hätten:

Zu früh für ein Urteil, aber erschreckende Indizien

Die meisten Journalist:innen sind sich einig, dass es noch zu früh ist, genaue Angaben über “Massenexekutionen” oder Ähnliches zu machen. In Butscha hingegen wurden teilweise gezielt Zivilist:innen ermordet. In Isjum scheinen viele Zivilist:innen hingegen durch Beschuss auf Wohnhäuser (was auch ein Kriegsverbrechen wäre) gestorben zu sein. Auch AP News liegen dazu Aussagen von Zeug:innen vor. Es scheint allerdings Hinweise auf Hinrichtungen von ukrainischen Kriegsgefangenen zu geben, was ebenfalls ein Kriegsverbrechen wäre:

Außerdem gibt es Hinweise auf brutalste Folter (Emmanuelle Chaze arbeitet u.a. für „Deutsche Welle“):

Anders als in Butscha wurden die Leichen in Isjum beerdigt. Wie ein New York Times Reporter von Zeugenaussagen erfuhr, lagen nur “einige Tage” nach dem Einmarsch russischer Truppen in Isjum dort Leichen herum und wurden dann beerdigt. Im Gegensatz dazu lagen viele Tote in Butscha über Wochen auf den Straßen, wie Satellitenbilder belegen:

Es sind also noch ein paar Dinge unklar in Isjum, aber schon jetzt ist offensichtlich, dass dort offenbar auch Kriegsverbrechen begangen wurden. Es sind bereits viele unabhängige Journalist:innen unterschiedlicher Organisationen vor Ort, welche die Ausgrabungen bezeugen können, was die Transparenz deutlich erhöht. Außerdem hat die UN bereits Untersuchungen angekündigt.

Kreml Propaganda dreht mal wieder durch

Die Propagandist:innen des Kremls hatten im Vorfeld schon ohne Belege behauptet, dass dort „Provokationen vermutlich vorgetäuscht“ werden sollen. Und, dass es dafür “Massenerschießungen” von Zivilist:innen (durch ukrainische Truppen) gäbe. In Erwartung des Aufdeckens von Gräueltaten der eigenen Truppen wollte man Verschwörungsmythen streuen, um die politischen Folgen des Bekanntwerdens abmindern.

Aber: Wie wir sehen sind die Ereignisse in Isjum etwas anders, als die Ereignisse in Butscha. Die Bilder widerlegen das RT-Narrativ, denn die meisten Leichen sind schon weitaus älter als nur ein paar Tage. Diese Verbrechen können also unmöglich ukrainischen Soldat:innen bei der Rückeroberung verursacht haben. Und ukrainische Quellen, wie auch unabhängige Journalist:innen vor Ort, sagten aus, dass viele offenbar durch russischen Beschuss getötet wurden.

Eine andere Linie russischer Propaganda stellt hingegen es als “humanitären Akt” dar, dass die Leichen der Getöteten ja immerhin beerdigt wurden. Das wurde in vielen „zufällig“ gleichlautenden Tweets verbreitet:

Auch auf deutschen Pro-Kreml-Propaganda-Seiten wurde verbreitet, dass doch die Ukrainer:innen Schuld waren, dass sie ihre getöteten Soldat:innen dort zurück ließen. 

Nochmal: Die gefundenen Leichen von ukrainischen Soldat:innen hatten oft hinter dem Rücken gefesselte Hände, waren also vermutlich Kriegsgefangene. Und das Hinrichten von Kriegsgefangenen ist ein Kriegsverbrechen. Das hier offen zugegeben wird?

Gleichzeitig verbreitet die russische Propaganda aktuell Aufrufe, gezielt zivile Infrastruktur in der Ukraine zu bombardieren. Als Reaktion auf ihre militärische Niederlage in Kharkiv also jetzt Rache an den Wehrlosen? So wird es wirklich im russischen Staatsfernsehen gefordert: 

Auch Putin selbst gibt an, dass bisherige Bombardements noch “zurückhaltend” gewesen seien.

Im russischen Fernsehen wird dafür teilweise plädiert, entsprechende Kriegsverbrechen nicht mehr zu vertuschen, da Russland sowieso niemand glaube. Stattdessen sollten lieber die Verbrechen als Beleg verwendet werden, dass man sich vor Russland fürchten sollte. 

Sagt die Kreml-PR zu Isjum auf einmal die Wahrheit?

Offenbar hat die Kreml-PR nicht mehr sonderlich große Lust, noch so viel auch sich widersprechende Lügen zu verbreiten, wie noch vor ein paar Monaten. So wird mittlerweile ja auch klargestellt, dass die Gaslieferungen nach Europa erst dann fortgesetzt werden, wenn Deutschland sich Putins Wünschen beugt und ihm die Ukraine zum Morden überlässt.

So auch jetzt zu den Kriegsverbrechen in Isjum. Die Lügen wirken nur noch halbherzig, teilweise wird auch zugegeben, dass es die Kriegsverbrechen halt eben gab und die folgende Beerdigung das ganze „entschuldigt“. In News-Sendungen fordern Propagandist:innen sogar, ihre Kriegsverbrechen stärker in den Vordergrund zu stellen, um dem Gegner Angst einzujagen.

Wie es weitergeht, ist noch unklar, aber das sind alles Zeichen, dass die russische Führung und Propaganda mehr und mehr die Orientierung verliert. Schaut man sich die Fakten an, ist der russische Krieg selbst für hartgesottene Lügner:innen der russischen Propaganda immer schwerer zu rechtfertigen. 

Und wem es auch nach diesem Artikel und all dem Bildmaterial nicht klar ist, dass Putin nicht mit naiven Verhandlungsangeboten zu stoppen ist – und dass diese die ganze Zeit bereits stattfinden – dem könnt ihr diesen Artikel zeigen:

Artikelbild: Evgeniy Maloletka/AP/dpa; Screenshot