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Die Demobilisierungs-Strategien von Putin: Das will die Troll-Armee

von | Mrz 31, 2022 | Aktuelles, Hintergrund, Kommentar, Social Media

Der Kreml führt einen Informationskrieg gegen uns

Ein Kommentar

Dieser Artikel soll eine grobe Übersicht über die kommunikativen Ziele von pro-russischen Kräften im deutschen Diskurs, die Zusammenstellung ihrer Reichweite-Multiplikatoren und ihre Diskursstrategien liefern und entkräften. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels befinden wir uns in der sechsten Woche seit Beginn der russischen Invasion der Ukraine. Während sich die Ukraine weiterhin gegen Putins Regime verteidigt, findet hierzulande ein Informationskrieg auf verschiedenen kommunikativen Ebenen in den sozialen Medien statt.

Die öffentliche Meinung und was wir über die russische Invasion der Ukraine denken, wird teilweise über die Sozialen Medien mitbestimmt. Daraus erschließt sich die nüchterne Logik, dass Pro-Putin-Kräfte daran mitwirken, den Diskurs bei uns mitzubestimmen, damit die öffentliche Meinung im Sinne der russischen Seite umschwenkt. Oder zumindest zu sehr in sich gespalten ist, um geschlossen zu Agieren. Vielen ist nicht bewusst, dass es da draußen allerlei politische Akteur:innen gibt, die Tag und Nacht daran arbeiten, bei uns den Diskurs zu zerstören und/oder zu beeinflussen.

Putins Troll-Armee

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Als Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, die im Internet vorsätzlich mit „zündelnden“ Kommentaren einen verbalen Disput entfachen oder absichtlich Menschen im Internet verärgern will. Hobby-Trolle wollen einem also einfach auf die Nerven gehen und jede Form eines konstruktiven Dialogs zerstören. Putins Troll-Armee sind jedoch viel mehr. Wir sprechen hier von bezahlten Kräften, die dafür genutzt werden in westlichen Demokratien genau dieser trollartigen Betätigung nachzukommen. Das Ziel: Unruhe und Verwirrung stiften (Quelle).

Höhepunkt dieser Einmischung waren die Wahlen 2016 in den USA, wo Putins Desinformation, gestreut durch Trollarmeen, Einfluss auf die Wahl genommen hat (Quelle). Darüber hinaus wissen wir, dass Putin rechtspopulistische Kräfte in ganz Europa förderte (Quelle). In Deutschland geht es um Unterstützung der AfD, um unsere Demokratie fortlaufend zu destabilisieren (Quelle, Quelle, Quelle). Es gab Hackerattacken aus Russland auf unsere Politiker:innen (Quelle). Der russische Propaganda-Sender RT (früher Russia Today) sendete die ganze Pandemie über Falschinformationen zu Impfungen und unterstützte die Querdenker Bewegung. Wir haben auch darüber berichtet:

RT: Impf-Fake News für Europa, Impf-Befürwortung für Russland

Verzerrung der Reaktionen, um Multiplikatoren einzuschüchtern

Putin führt einen Informationskrieg schon seit Jahren. Das Bewusstsein darüber, dass es Pro-Putin Kräfte gibt, oft getarnt als einer von tausenden Kommentierenden, die gezielt versuchen, die öffentliche Meinung zu manipulieren, ist wichtig. Gerade für Medienschaffende, politische Journalist:innen, Influencer:innen und Aktivist:innen. Wir müssen uns also im Moment nicht nur gegen Kreml-Desinformation zur Wehr setzen, sondern auch gegen eine gezielte Diskursverschiebung zugunsten Putins. Unscheinbare Kommentare, die bewusst oder unbewusst tausendfach die gewünschten Narrative nachplappern. Kommunikation ist eine entscheidende Komponente dieses Krieges. Kolleg:innen merken die Flut der Trolle in den Kommentarspalten.

Eine andere Schilderung am Tag der Invasion von Thomas Kaspar, Chefredakteur der Frankfurter Rundschau: „Unser Community-Team meldet, dass Pro-Putin-Trolle und Bots die Kommentarspalten unserer Auftritte in den sozialen Medien überschwemmen. Da z.B. @Facebook ein Löschlimit von 10.000 Kommentaren pro Tag hat, können wir dem massiven Angriff nicht mehr Herr werden.“ [sic] (Quelle). Eine weitere Beobachtung unseres Faktencheck-Kollegen Andre Wolf von Mimikama, der von „hybrider Kriegsführung“ spricht. „Bei Mimikama haben wir heute deutlich das flooding von Putintrollaccounts auf Social Media bemerkt.“ (Quelle)

Die Strategie von Putins Propaganda-Narrativen

Es gibt einen Nährboden für russische Propaganda. Während ein Großteil der Menschen hierzulande ihre Haltung gegenüber Russland geändert haben und Putins Regime als Bedrohung wahrnehmen, gibt es noch viele, die das nicht tun. Nun liegt uns ein Strategiepapier der Putin-Propaganda natürlich nicht vor, aber anhand der Beobachtung des Diskurses seit Kriegsbeginn lässt sich ungefähr ablesen, worauf es Putins Troll-Armee & Co. im deutschen Diskurs abgesehen haben.

Das sind die Ziele und Strategien der Diskursverschiebung.

Die beste Propaganda ist diejenige, die einem nicht als solche auffällt. Einfach nur zu sagen, „Hey, Putin ist ein toller Kerl“ ist zu plump. Aus Sicht von Putins Handlangern muss also anders vorgegangen werden. Übergeordnete Kommunikationsziele, die anhand der Diskursentwicklung der letzten Wochen und dem Agieren von Pro-Putin Akteur:innen abgelesen werden können, sind:

  • Rückhalt für die Ukraine und ihre Verteidigung innerhalb der deutschen Bevölkerung abschwächen.
  • Bereitschaft für (neue) Sanktionen mindern (zum Beispiel ein Energieembargo).

Wie kann man diese übergeordneten Ziele erreichen? Indem man Narrative in der deutschen Bevölkerung streut, die sich halten und verbreiten.

Beispiele von Argumenten/Einwänden:

  • Täter-Opfer Umkehr: „Die Ukrainer sollten aufgeben, damit keine Menschen mehr sterben.“/“Waffenlieferungen verlängern den Krieg.“
  • Täter-Opfer Umkehr: Der Westen hasst Russen/Russen werden Opfer von Gewalt.“ (ist oft auch ein Whataboutismus)
  • Whataboutismus: „Was ist mit den Nazis in der Ukraine?“ und Strohmann: „Der Westen leugnet die Nazis in der Ukraine.“
  • Panikmache: „Wir dürfen uns nicht zu sehr einmischen (Waffenlieferungen), sonst nutzt Putin Atomwaffen.“

Diskursstrategien und Narrative von Putin-Trollen

Wichtiger Hinweis vorab: Nicht jede:r, der/die diese Argumente oder Narrative anbringt, ist automatisch ein bezahlter Putin-Troll natürlich. Das sind nur die Narrative und Argumente, die von Pro-Putin-Medien angewandt werden, weil man sich daraus eine für sie positive Verschiebung des Diskurses erhofft. Auch heißt das nicht zwingend, dass diese Argumente 100% unwahr sind oder es grundsätzlich falsch sei, diese Dinge anzusprechen. Die beste Propaganda funktioniert mit möglichst wenig Lügen, sondern man versucht die Wahrheit zu verzerren, aufzubauschen und den Fokus zu verschieben, tatsächlichen Aspekten und berechtigter Kritik mehr Raum einräumen, als anderweitig der Fall wäre, um so andere Dinge subtil in den Hintergrund zu rücken. Wir hatten bereits davor gewarnt:

So will euch Putins Propaganda verwirren – Whataboutismen

Täter-Opfer Umkehr/Whataboutismus: Ablenkung mit erfundener (und realer) Gewalt gegen Russen

Eines der vielen akuten Diskursfelder, die gerade ausgefochten werden, beschrieben durch unsere Innenministerin Nancy Faeser: Für eine Täter-Opfer-Umkehr und einen Whataboutismus wird massiv gestreut, Deutschland sei massiv russenfeindlich. Russ:innen sollen als Opfer von Rassismus geframed werden. Sanktionen werden als Russenhass bezeichnet. Es ist klassische Kreml-Propaganda-Taktik, mit dem u.a. auch die Ukraine-Invasion begründet wurde.

Wie Falschinformationen zu Übergriffen auf russische Mitbürger:innen zur Stimmungsmache und Diskursverschiebung genutzt werden, haben wir hier erläutert.

Erfundener Mord in Euskirchen: Urheberin entschuldigt sich für Fake

Und hier:

Reale & Fake Übergriffe auf russische Mitbürger: Fake News vergiften das gesellschaftliche Klima

Das Ziel ist hier: Anstatt Putin und die Russ:innen, die sein Regime unterstützen, als die Schuldigen zu sehen, die sie sind, soll Mitleid erzeugt werden mit echten – und erst Recht erfundenen Fällen – von Gewalt gegen Russ:innen. Soll über die (vermeintliche) Gewalt der anderen geredet werden, sollen Russ:innen zu den Opfern in unseren Köpfen werden. Und natürlich ist auch ein durchschnittlicher Russe, erst Recht z.B. in Deutschland nicht mitschuld am Krieg und dazu soll er oder sie auf gar keinen Fall gemacht werden. Aber wenn wir darüber reden – überproportional mehr als über die Kriegsverbrechen in der Ukraine – gewinnt Putin diskursiv Boden. Es ist Ablenkung und soll Recht/Unrecht verschwimmen lassen.

Täter-Opfer Umkehr: „Die Ukrainer sollten aufgeben, damit keine Menschen mehr sterben“ 

Wer argumentiert, die Ukraine solle doch einfach aufgeben, um nicht den Krieg zu verlängern, schwächt damit bewusst oder unbewusst die Position der Ukraine in diesem Konflikt. In einem Podcast mit Markus Lanz äußerte sich Richard David Precht wie folgt: „Natürlich hat die Ukraine ein Recht auf Selbstverteidigung, aber auch die Pflicht zur Klugheit, einzusehen, wann man sich ergeben muss.“ Da ein Sieg unmöglich sei, so sei ein langer Widerstand und somit ein langer Krieg nicht sinnvoll. Schlimmer noch, der ukrainische Präsident Zelenskyj schicke sein Volk mit seinen Aufrufen zum Widerstand in einen Krieg, den man verlieren müsse. Seine Regierung nehme in Kauf, dass Hunderttausende in diesem aussichtslosen Krieg sterben. (Quelle)

Dafür erntete er viel Kritik, denn mit dieser klassischen Täter-Opfer-Umkehr gibt Precht die Schuld für die durch Putins Soldaten umgebrachten Ukrainer:innen Zelenskyj und der Ukraine. Denjenigen, die angegriffen und getötet werden. Niemand hat Putin und seine Armee gezwungen, die Ukraine zu überfallen und deren Menschen umzubringen. Die Aufforderung, kampflos Putin alles zu geben, was dieser Autokrat möchte, ist das Verhandeln mit Terroristen. Erinnert an eine naive Appeasement-Politik des Neoimperialisten Putin. Man könnte hier eine slippery slope argumentieren und ironisch fragen, ob sich dann gleich die ganze Welt Putin ergeben sollte und ihm die Weltherrschaft gleich übergeben, nur um ja kein Opfer zu beklagen zu haben. Zumal die Sinnlosigkeit des Widerstands der Ukraine ja nicht festgeschrieben steht.

Das ist klassische Täter Opfer Umkehr oder auch Victim Blaming

Statt sich mit dem Opfer eines Angriffskrieges zu solidarisieren, wird die Schuld für die Toten auf die ukrainische Führung abgewälzt, als würde diese die Verantwortung für den grausamen Krieg tragen. Eine Kapitulation würde für die Ukraine jahrelange politische Repression und völligen Verlust ihrer Selbstbestimmung bedeuten. In anderen Vasallen-Staaten von Putin wie Kasachstan oder Belarus wird mit brutaler Gewalt und Folter gegen abweichende Stimmen vorgegangen. Daher ist es nicht an uns, der Ukraine hier Vorgaben zu machen, wem sie sich kampflos zu unterwerfen haben. Die ukrainische Führung bittet aktuell vor allem um Waffenlieferungen, auch um eine bessere Verhandlungsposition zu haben. Selbst wenn die Ukrainische Führung aufgeben würde, ist absehbar, dass ein Partisanenkrieg gegen die russische Besatzung die Folge wäre.

Wagenknecht bedient alle Pro-Putin-Narrative

In diese Kerbe schlägt auch das Argument bei der Kritik an Waffenlieferungen. Die Kritik wurde ebenfalls von Precht gemacht, aber auch besonders prominent von Sahra Wagenknecht. Die auch parteiintern extrem umstrittene LINKE-Politikerin Wagenknecht wird extrem heftig dafür kritisiert, sehr auffällig Narrative und Argumente zu verwenden, die Putin verharmlosen oder in seine Karten spielen. Wie falsch Wagenknecht zu Putin lag, sah man auch an ihren schlecht gealterten Beschwichtigungen vor dem Krieg, Putin würde nie in die Ukraine einmarschieren.

16. Februar bei BILD: „Putin hat gar kein Interesse dort (in die Ukraine, anm. Red) einzumarschieren. Diese Donbass Republiken versuchen seit 2014 Unabhängig zu werden. Russland hat sie nicht anerkannt. Das ist ja ein ganz klarer Akt. Wenn man einmarschiert, könnte man sie ja einfach anerkennen. Macht man nicht, aus guten Gründen nicht.“ (Quelle, Videoausschnitt)“

Genau das tat Putin jedoch 5 Tage später und erkannte völkerrechtswidrig Donezk und Luhansk als unabhängig an (Quelle).

20. Februar bei Anne Will „Wir können heilfroh sein, dass Putin nicht so ist wie er dargestellt wird, nämlich ein durchgeknallter russischer Nationalist der sich daran berauscht Grenzen zu verschieben. Wenn das so wäre, dann wäre Diplomatie hoffnungslos verloren.“ (Quelle, Videoausschnitt)

und

„Ich finde die ganze Diskussion läuft irgendwie in einer virtuellen Realität. Also wenn Russland erpicht darauf wäre in die Ukraine einzumarschieren, Vorwände hätten sie längst genug gehabt. Also ich erinnere daran, dass die Ukraine im letzten Herbst Kampfdrohnen im Donbass eingesetzt hat, haben es selber noch gefilmt und publiziert, dann hat Selenskyj …

Norbert Röttgen unterbricht an der Stelle Frau Wagenknecht: „Wessen Territorium ist der Donbass denn ihrer Meinung nach?“

„Naja, es gibt ein Minsker Abkommen, demnach sollte der Donbass einen Sonderstatus bekommen und der Drohneneinsatz war ganz klar im Widerspruch mit dem Minsker Abkommen…“

Röttgen unterbicht erneut: „Hat Russland ein Recht dort zu intervenieren?“

„…deswegen wäre das ein Anlass gewesen.“ (Quelle, Videoausschnitt).

4 Tage später begann Putin den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine (Quelle). Sie gesteht einen Irrtum in ihrer Einschätzung ein, sie fordert aber weiter die Forderungen Putins und wiederholt dessen Rechtfertigungen für den Krieg – wie Entmilitarisierung und Ausschluss einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine – gibt dem Westen die Schuld an Putins Invasion, stellt sich gegen Sanktionen und behauptet, dem überfallenen Opfer mit Waffenlieferungen zu helfen werde den – völkerrechtswidrigen! – Krieg verlängern (Quelle, Quelle, Quelle). Die inhaltlichen – und sogar sprachlichen! – Übereinstimmungen zwischen Wagenknecht und ganz Rechtsaußen, was Putin betrifft, sind fast schon absurd groß:

Die Kritik an Wagenknecht ist auch in der LINKE groß. Besonders prominent kritisierte Gysi sie und den Wagenknecht-Flügel in einem offenen Brief. Er sei „entsetzt“ über ihre „völlige Emotionslosigkeit“ (Quelle).

„Waffenlieferungen verlängern den Krieg“

Wie gesagt brachte sie, wie auch andere, auch das Argument der Waffenlieferungen. Unabhängig davon, wie man Waffenlieferungen bewertet – und an dieser Stelle möchte ich das ausdrücklich nicht tun – es unterstellt ebenfalls, dass man sich mitschuldig mache, wenn man dem Opfer helfen wolle. Unabhängig davon, ob es andere Gründe gibt, Waffenlieferungen zu kritisieren, das Argument, es abzulehnen, weil man dem Opfer nicht helfen dürfe, ist die gleiche, oben beschriebene Täter-Opfer-Umkehr. Einfach aufzugeben ist eines der schlechtesten Szenarien für die Ukraine – und eines der besten für Putin. 

Außerdem: Über Stand und Verlauf des Krieges gibt es viele Berichte. Von den Fakten, denen wir Glauben schenken können, sieht es für die russische Seite gerade nicht so gut aus (Quelle). Aber was bedeutet das überhaupt?

Oftmals wird in diesem Kontext von Sieg und Niederlage der Ukraine geschrieben, jedoch wird in dieser Umschreibung nicht klar, was das eine oder das andere bedeuten soll. Die Ukraine „gewinnt“, wenn sich die russische Armee aus ihrem Land zurückziehen muss. Wenn ihre Souveränität gewahrt bleibt und nicht einseitig durch Putin aufgekündigt. Dieses Ziel kann über den Verhandlungstisch erreicht werden, wenn die Schäden an Wirtschaft und Armee für die russischen Seite zu hoch werden.

Es mag dem ein oder anderen schwerfallen, angesichts der Bilder in solchen Termini zu sprechen. Doch es handelt sich hier einfach um eine trockene Analyse des Ist-Zustandes des Krieges und wofür die Ukrainer:innen kämpfen. Wer der Ukraine direkt oder indirekt die Schuld dafür gibt, dass Putins Armee ihre Bevölkerung umbringt, macht sich bewusst oder unbewusst zum Helfer für Putins Narrative – und seinen Krieg.

Whataboutismus: „Was ist mit Asow?“

Der ein oder andere hat sicherlich schon vom berüchtigten, rechtsextremen „Asow Bataillon“ der Ukraine gehört, ein oft aufgeführtes Argument. Hier als ablenkende Rauchgranate illustriert.

Ein Whataboutismus wird aufgestellt, um vom eigentlichen Kern der Diskussion abzulenken. Statt sich mit dem wirklichen Thema zu beschäftigen, versucht das Gegenüber, den Fokus der Diskussion auf den aufgestellten Strohmann umzulenken. Mit dem Ansprechen von – durchaus berechtigter Kritik – zum „richtigen“ Zeitpunkt, durch das Überbetonen, wird abgelenkt. Jahrelang hat kaum jemand über rechtsextreme Bataillons in der Ukraine gesprochen, aber während die russische Armee Zivilist:innen in der Ukraine bombardiert, sollen wir nur darüber reden? Es ist nämlich eine der Ausreden Putins für den Krieg: Mit dem Thema „Entnazifizierung“ der Ukraine haben wir uns bereits ausführlich beschäftigt.

Putins Propaganda-Mythos von „Entnazifizierung“ der Ukraine widerlegt

Uns zwingen immer mehr darüber zu reden, damit wir nicht mehr über Putins Krieg reden (können)

„Hey aber da sind Nazis in der Ukraine, guck doch wie kann dich das nicht stören?“ heißt es quasi. Diese Propaganda ist wirksam, weil sie wahr ist: Natürlich stört das. Natürlich ist das verwerflich und kritisierenswert. Es ist aber auch ein russischer Propaganda-Mythos, den man damit streut. Es gibt in der Ukraine Nazis, so wie es in nahezu jeden Land der Welt Nazis gibt. Und ganz besonders gibt es rechtsextreme Kampftruppen. Im Parlament sind sie jedoch kaum vertreten – da gibt es mit der AfD mehr im deutschen Parlament. Von einer „Entnazifizierung“ zu reden, ist also nicht mehr als ein billiges Ablenkungsmanöver.

Das Asow Batallion ist tatsächlich real und besteht größtenteils aus nationalistisch und rechtsextrem eingestellten Ukrainern. Das ist jedoch NICHT ein Beleg für eine ukrainische „Nazi“-Regierung. Und rechtfertigt jedoch nicht den Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine. Im Gegenteil, das Batallion ist erst durch die Annexion der Krim entstanden (Quelle). Wir sollten darüber reden und es kritisieren, aber Putins Trolle wollen damit vor allem eins erreichen: Sie wollen Putins Kriegsgründe nachvollziehbarer machen, sie wollen dass „beide“ Seiten schuldig erscheinen, damit das Solidarisieren mit der Ukraine schwerer fallen soll. Das darf nicht passieren.

Das Strohmann-Argument hier ist natürlich, dass „der Westen“ diese Rechtsextremen verschweigen würde. Aber wir wissen doch alle, dass deutsche Medien ständig darüber reden und es massenhaft kritisieren. Was will man noch? Dass die Solidarität mit der Ukraine schwindet. Das ist das geheime Propagandaziel dahinter.

Panikmache: „Wir dürfen uns nicht zu sehr einmischen (Waffenlieferungen), sonst nutzt Putin Atomwaffen“ (Panikmache)

Kommen wir nun zum letzten und ebenfalls dominanten Talking Point, der besonders wirkungsvoll scheint: Die Angst vor Putins Atomwaffen und die Scheu davor, der Ukraine zu helfen. Die Sicherheitsexpertin Florence Gaub vom EU-Institut für Sicherheitsstudien erklärte bei Markus Lanz, dass die Androhung von Atomschlägen zum Kalkül der russischen Strategie (Kernwaffen-Doktrin) gehöre, um uns Angst einzujagen. Nicht die Bombe, sondern die Angst vor der Bombe sei die Waffe (Quelle).

Deutschland hat der Ukraine bereits Defensivwaffen geliefert (Quelle) und wird das weiterhin tun (Quelle), um die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine gegen Putins Invasion aufrechtzuerhalten. Völlig egal, was man davon hält: Wir sind also schon über die Frage hinaus, ob wir Waffen liefern sollen oder nicht. Dass Deutschland oder die NATO jedoch keine aktive Partei im Krieg werden, ist ebenfalls bereits kommuniziert (Quelle). Ob wir der Ukraine nun Waffen liefern oder nicht, wird nichts daran ändern, dass Russland mit seinen Bomben droht – das wird Putin sowieso tun (Quelle). Eine Eskalation zum Einsatz von Atomwaffen halten Expert:innen dennoch für unwahrscheinlich:

Putins Invasion: Darum halten Experten einen Atomkrieg für unwahrscheinlich

Fazit: man will gezielt unsere Solidarität mit der Ukraine untergraben

Fassen wir das alles nochmal kurz zusammen. Wir wissen, dass die Kreml-Propaganda seit Jahren versucht, uns zu manipulieren und Einfluss zu nehmen. Deswegen wurden rechtsextreme Narrative für die AfD oder Anti-Impf-Propaganda hierzulande befeuert. So viel übrigens zur „Entnazifizierung“. AfD und Querdenken stärken sollte Deutschland schwächen – Die selbsternannten „Patrioten“ und „Freiheitskämpfer“ waren also in Putins Augen des beste Werkzeug, um Deutschland zu schaden und unfreier zu machen. So viel dazu.

Alina Lipp: Der größte deutsche Pro-Putin-Propaganda-Kanal auf Telegram

Es gibt hierzulande verschiedene Gruppen und Einzelpersonen, die wir gesichert den pro-russischen Kräften zuordnen können. In diesem Artikel haben wir gar nicht die rechtsextreme AfD und ihre Unterstützung Putins untergebracht. Einfach gesagt: Sie dienen quasi Putin im Bundestag. Die AfD verurteilt zwar offiziell Putins Angriff, lehnt aber Wirtschaftssanktionen ab, Waffenlieferungen, will weiter Nordstream 2, und lehnt die Energiewende ab (Quelle), die uns unabhängig von Putin machen würde (mehr dazu). Also: Offiziell will die AfD Putin vor jeglichen Konsequenzen schützen. Tolle „Patrioten“ (Quelle). Abgesehen davon, dass schon ab der zweiten Reihe offen Sympathien für Putin vorgebracht werden und dessen Propaganda-Narrative gestreut und reproduziert.

So relativieren die Putin-Freunde der AfD den Krieg in der Ukraine

Die Trolle und Handlanger arbeiten täglich in den sozialen Netzwerken an diesen Narrativen

Tag ein Tag aus sind sie darauf aus, unseren Diskurs zu verschieben und unsere Unterstützung zur Verteidigung der Ukraine bröckeln zu lassen. Egal ob Putins Troll-Armee, Wagenknecht, AfD, Querdenken & Co. – Putins (willige und unabsichtliche) Helfer:innen sind zahlreich. Die verschiedenen Strategien und Narrative, die von ihnen in den Diskurs eingeschleust und verbreitet werden, haben wir erläutert. Vieles der Propaganda ist so wirksam, eben weil sie NICHT dreist gelogen ist. Auch wenn es diese offensichtlichen Lügen zu Hauf gibt:

Pro-Putin-Lüge: Mix Markt-Video ist 3 Jahre alt & stammt aus Russland

Russische Medien blamieren sich: Normale Labordokumente sollen Biowaffen beweisen?

Zelensky Deepfake – so funktioniert die neue Fake-News Technik

Durch Ablenkungen, Whataboutismen, Strohmann-Argumenten und Täter-Opfer-Umkehr soll – teilweise mit berechtigten Einwänden – der Fokus der Diskussion verschoben werden. Sollen die Grenzen zwischen Recht und Unrecht verschwimmen. Aber eine differenzierte Position ist nicht zwangsläufig die in der „Mitte“, die „beide Seiten“ gleichermaßen verurteilt. In Putins völkerrechtswidriger Invasion ist er eindeutig schuldig. Und darüber sollen diese Narrative hinwegtäuschen.

Das Ziel des Kremls ist also, durch Streuen von Fake News und Zerstörung des Diskurses bei uns, unsere Handlungs- und Hilfsbereitschaft gegenüber der Ukraine abzuschwächen. Es ist davon auszugehen, dass diese Bestrebungen zunehmen werden. Gerade politische Journalist:innen und Medienschaffende stehen jetzt in der Verantwortung, solche Entwicklungen genau zu beobachten und dem entgegenzuwirken. Berechtigte Kritik auf eigene Initiative behandeln und korrekt zu kontextualisieren. Und Trolle in den Kommentarspalten – und Talkshows – zu ignorieren.

Autoren: Andreas Bergholz, Thomas Laschyk. Artikelbild: shutterstock.com / Asatur Yesayants

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