4.780

Berlins bester Abiturient heißt Mohammad – hier fragt die AfD nicht nach dem Vornamen

von | Jul 29, 2023 | Aktuelles

Mohammad-Taha Abdollahnia hat beim Abitur am Herder-Gymnasium in Berlin-Westend die Maximalpunktzahl geholt, 900 Punkte. Und damit das beste Abitur in ganz Berlin. Wovon viele Schüler:innen nur träumen können, hat der in Deutschland geborene Sohn iranischer Eltern mit Akademikerhintergrund geschafft. Die rassistische und rechtsextreme AfD verliert über diesen Mohammad aber kein Wort – natürlich nicht, sie will nur gegen Menschen mit Migrationshintergrund hetzen. Und die Wahrheit, dass diese Menschen hier lieben, lachen und Großartiges bei uns leisten und viel beitragen, will sie dir verschweigen.

Wir berichten aber bewusst darüber, um genau dieses rassistische Cherry-Picking der AfD zu entlarven – und auf den Kopf zu stellen. Der Aufschrei ist groß, wenn ein Tatverdächtiger unbekannt ist, dann wird gleich wild und hasserfüllt spekuliert, aber wenn ein Mohammad das beste Abitur hinlegt, redet niemand darüber? Genau deswegen sind wir hier. 

Ginge es nach der AfD, würden seine Eltern abgeschoben werden

Lasst uns nochmal auf die Leistung von Mohammad-Taha schauen: 900 Punkte im Abitur – das bedeutet, er hat in jeder einzelnen Prüfung, während der Oberstufe und auch während der Abiturprüfungen, die maximale Punktzahl erreicht. Die durchschnittliche Punktzahl lag bei 603, Punkten. Noch dazu belegte er drei anstatt der üblichen zwei Leistungskurse. Beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2020/21 war auch Mohammad-Taha einer der Preisträger.

“Auf jeden Fall sind die Naturwissenschaften der Schwerpunkt. Das liegt an meiner großen Liebe für die Wissenschaft und meinem großen Interesse, immer mehr zu lernen, vielleicht sogar dann später einen Beitrag für die Wissenschaft leisten zu können.”

Mohammad-Taha Abdollahnia, Berlins bester Abiturient 2023

Mit diesem Steileinstieg in seine wissenschaftliche Karriere steht Mohammad nichts im Weg. Das einzige: Die AfD und ihre beständigen Versuche, das politische Klima in Deutschland mit Rassismus zu vergiften. Wenn es schlecht läuft, könnte das auch Mohammad-Taha betreffen. Er ist in Deutschland geboren, spricht (offensichtlich) Deutsch als Muttersprache, wird mit seinem Rekord-Abi höchstwahrscheinlich auch ein super Studium hinlegen und später im Beruf ebenfalls super viele Steuern ins deutsche Steuersystem einzahlen. Ein Musterbürger möchte man meinen.

Da gibt’s nur ein Problem: Wenn die AfD irgendwann mal die Macht in diesem Land ergreifen sollte (Aufpassen, Merz!), werden Top-Leute wie Mohammad aus Deutschland herausgeekelt – oder direkt abgeschoben. Herausgeekelt? Ja! Vom vergiftenden Rassismus der Partei nämlich, die bei jeder Gelegenheit eine von Ausländern verübte Gewalttat wittert und Anfragen nach den Vornamen von den Tatverdächtigen stellt.

Screenshot, Quelle

Deswegen ist das permanente Fragen nach Vornamen rassistisch

Kommen wir dazu, wie die AfD mit Lügen und Cherry-Picking Rassismus schürt, der nichts mit der Realität zu tun hat. Weil er die 99 % der Menschen totschweigt, die friedlich mit uns leben. Anfang dieses Jahres fragte die AfD an, welcher der häufigste Vorname bei Messerangriffen in Berlin sei. Natürlich klar, darauf hoffend, dass es ein ausländisch klingender Name ist und sie einen großen Aufschrei a la „kriminelle Ausländer raus“ lostreten können. Turns out: die Statistik machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Der häufigste Vorname war Christian. Im Jahr zuvor: Alexander. Und was macht die AfD? Totschweigen! Klar, sie will alles Gute verheimlichen, sie will nur Hass und die Lügen. Wir berichteten:

Es stellt sich die Frage, warum diese Statistik der AfD kein Aufschrei wert ist. Sind Messer-Angriffe weniger schlimm, wenn die Täter dabei weiß sind? Tut das weniger weh? So tut die AfD zumindest. Das Kalkül hinter der Propaganda-Strategie der AfD ist klar: sie suchen überall und unentwegt nach Möglichkeiten, ihre rassistischen Narrative zu durchzusetzen. Ihr reicht es nicht, zu erfahren, dass ein Tatverdächtiger Deutscher war. Um hetzen zu können, erfragt sie die Vornamen. Ihr wisst schon, in der Hoffnung, so einen Hinweis auf den „Ariergrad“ der Tatverdächtigen zu erhalten. Die Schlagzeile, dass Christians und Alexanders für die meisten Messerattacken verantwortlich sind, ist der AfD aber natürlich keine Pressekampagne wert. Warum? „Arierdeutsche“ sind ja bekannterweise unfehlbar, da muss die „Lügenpresse“ wieder am Start gewesen sein. (Achtung, Satire!)

Die messerstechenden Berliner waren nicht der einzige Fall, mit dem sich die AfD blamierte. Und das im Anschluss natürlich gewissenhaft zu verstecken versuchte. Auch hier berichteten wir bereits:

Die AfD fragte wieder nach Vornamen, weil sie die Tatsache, dass – in dem Fall im Saarland –  die überwiegende Mehrheit der Messerstechereien von Deutschen begangen wird, nicht wahrhaben möchte. Doch auch im Saarland ging sie mit ihrer Hetzerei leer aus. Die Messerstechereien wurden zu 70% von Deutschen begangen, die darüber hinaus auch noch Vornamen besaßen, mit denen die AfD keine rassistische Hetze betreiben konnte. Die meisten Messerstechereien fanden übrigens unter Landsleuten statt – heißt: Deutsche gegen Deutsche, Syrer gegen Syrer.

Quelle

Die rassistischen Fake News der AfD 

Wir sehen: Der rassistische AfD-Slogan „Messereinwanderung bedeutet Masseneinwanderung“ ist eine eklige Lüge, hier auch von Aktivist:innen widerlegt. Diese haben sich vor einigen Jahren schon alle Fälle angeschaut, in denen die AfD „Messerstechereien“ durch „Migranten“ beklagt und insgesamt 564 Fälle überprüft. Die Fälle haben sie alle von der AfD-Website gesammelt. Ihre Ergebnisse sprechen Bände. 87 % aller Fälle waren falsch. Bei 310 Fällen handelt es sich überhaupt nicht um Messerstechereien. Und bei weiteren 178 Fällen fehlt eine Angabe über die Herkunft der Täter. Die AfD hat lediglich unterstellt, dass es sich um Nicht-Deutsche handelte. Somit bleiben lediglich 76 Einzelfälle. Das heißt: Wenn die AfD einen Messerangriff eines Migranten anprangert, ist es höchstwahrscheinlich falsch. Und sie verschweigt die große Mehrheit der Menschen, die Mohammad-Tahas. So indoktriniert sie ihre Anhängerschaft.

Wenn in der Statistik dann aber doch mal ein ausländischer Name auftaucht, wird das genutzt, um daraus Fake News zu verbreiten, der sich bis heute hält. Bis heute, unter dem Tweet von Mohammad-Taha als Berlins bester Abiturient!

Quelle

Leider falsch gedacht. Mohammad ist nicht der beliebteste Jungenname in Berlin. Da hat euch die Springer-Presse 2019 eine ziemliche Faktenverzerrung aufgetischt:

In Berlin wurden im Jahr 2019 40.203 Kinder geboren (Quelle). 346 davon heißen Mohammed, „Muhamad“, „Muhammed“ oder „Muhammed-Emin“. Wir haben über ein Dutzend verschiedene Versionen gefunden und einfach mal alle hinzugezählt. Das macht damit 0,86 % aller Neugeborenen aus. Für eine „Islamisierung“ müssen sich die Jungs aber richtig anstrengen. Diese Differenzen spielen nicht wirklich eine Rolle und haben fast gar keine Aussagekraft. Hier wird aus einer Mücke durch ein paar Tricks ein Elefant gemacht, der dann wieder als waghalsiger Beleg für eine rechtsextreme Verschwörungstheorie herhalten muss.

Der Trick dahinter

Durch eine bestimmte Sortierung unter „Erstnamen“, welche von „Vornamen“ zu unterscheiden ist, durch bestimmte Kriterien der Zusammenfassung von Namen und durch das Herausstellen bestimmter Städte wird ein Fokus auf Dinge gesetzt, die völlig irrelevant sind. Hier regt man sich über ein paar einzelne Kinder auf. Und das alles nur, weil es in ein rassistisches Narrativ passt. Und einige Medien entweder bewusst mit dieser Stimmungsmache spielen oder sie nur für Klicks ausnutzen wollen. Was genauso gefährlich ist.

Aber von vorne: Wir müssen unterscheiden zwischen „Erstnamen“, „Babynamen“, „Vornamen“, „Rufnamen“ und „Jungennamen“. Diese Begriffe müssen nicht zwingend denselben Namen meinen und werden von vielen Medien dann faktenverzerrend dargestellt. Bei Menschen mit nur einem Vornamen wäre „Erstname“ und „Vorname“ das Gleiche. Gemäß Zahlen von 2015 trifft dies aber nur auf 59,2% aller Kinder zu. Weitere 35,8 % haben zwei Vornamen und 3,5 % drei und 0,3 % vier oder mehr Vornamen. Mit “Erstname” ist meistens der erste Vorname gemeint. Manchmal ist auch der Rufname gemeint, der sich ja davon auch unterscheiden kann. Es geht bei Erstnamen also nicht um die häufigsten Vornamen, sondern um die Spitzenreiter bei allen zuerst stehenden Vornamen. Wenn demnach die Bild titelt „Mohammad beliebtester Babyname in Berlin“, dann bedeutet das nicht, dass es auch der beliebteste Vorname ist. Weil aber jede:r logischerweise annimmt, dass die Begriffe dasselbe bedeuten, ist das ein ziemlich perfider Trick.

Von Berlins Einwohner:innen sind übrigens 7-9% Muslime (Zahl von 2018). Klar ist, dass unter muslimischen Familien der Name „Mohammad“ sehr beliebt ist und daher überproportionaler verwendet wird als in nicht-muslimischen Familien. Das hat natürlich mit der religiösen Bedeutung von “Mohammed” zu tun, aber auch damit, dass es eine theoretisch kleinere Namensauswahl gibt.

Was wirklich die beliebtesten Vornamen sind

2019 war Noah der beliebteste Vorname in Berlin für Jungen, er wurde 258 mal vergeben. Selbst wenn Mohammed auf Platz 1 stehen würde, wenn man nur Erstnamen, also nur die Kinder, deren als erster eingetragener Vorname so lautet, heranzieht, sind das doch nur ein paar Jungs. Und abgesehen davon, dass es schon etwas schwammig ist, dann automatisch von Flüchtlingen oder gar Muslimen (obwohl das natürlich wahrscheinlich ist) zu sprechen, sagt das auch nichts über Fremde aus. Muslim und Migrant und Nationalität zu vermischen, ist bereits sehr problematisch. Wir sehen am Beispiel von Mohammad-Taha, dass es, Überraschung, Mohammads in Deutschland gibt, die Deutsche sind! No shit, Sherlock. Denkt mal drüber nach: um „deutsch“ zu sein, muss dein Vorname nicht Maximilian, Sebastian oder Friedrich-Alexander heißen. Wenn du trotzdem die „was ist deutsch“-Debatte führen möchtest, dann lass dir zumindest auch gesagt sein, dass Alexander eigentlich griechisch ist und Noah hebräischen Ursprungs.

Googlesearch Screenshot

Wenn man googelt, welcher der beliebteste Vorname in Berlin 2022 gewesen ist, wird auch in diesem Jahr klar, wie die einzelnen Begrifflichkeiten durcheinandergemischt werden – again: „Vorname“, „Erstname“ und „Babyname“ muss nicht dasselbe sein. Geht man die Geburtsnamen der einzelnen Berliner Bezirke durch, wird auch hier klar: unter den Top ersten Vornamen taucht auch im Jahr 2022 kein Mohammad auf. In Neukölln (dazu kommen wir später noch!) steht Mohammad auf Platz 14 mit ganzen 10 geborenen Mohammads im ganzen Jahr 2022. Ganze 10 Babys – das wäre doch auch einen öffentlichen Aufschrei wert, oder AfD? Oder auch, dass Noah (again!) und Liam unter den Top 3 mitmischen – das sind doch auch ausländische Namen?! Ich hoffe, euch wird klar, wie random und rassistisch die Vornamendebatte nicht nur in rechten Kreisen ist.

Von den Zahlen ganz abgesehen: Natürlich leben in Berlin und in Deutschland Menschen mit „Mohammad“ als Vorname, Zweitname, Drittname oder Rufname. Sie sind aber genauso Deutsch wie alle Noahs da draußen. Deswegen mein Appell: Lasst doch bitte (Vor-)Namen aus den diversen Debatten über Integration und die vermeintliche Islamisierung von Deutschland heraus!

Warum wir trotzdem Vornamen thematisieren – und dabei bisschen mehr Realität abbilden

Hater werden uns jetzt vorwerfen: Aber ihr thematisiert doch auch den Vornamen des Abiturienten – ihr macht genauso Cherry-Picking. Es stimmt, auch wir betreiben mit Mohammad Clickbaiting! Wir machen das aber, um eben die Aufmerksamkeit zu erhalten, die die AfD auch erhält mit ihrer rassistischen Hetze. Emotionale Botschaften auszudrücken, die jedoch – im krassen Gegensatz zur AfD- auf Fakten basieren, ist ein Teil des Wesens des Volksverpetzers. Wenn wir sachlich – zurückhaltend die AfD zerstören würden, dann würde das leider nicht die notwendige Reichweite generieren. Wir füllen die Lücke aus, die die AfD – und die deutsche Presse, die sich davon leiten lässt, bewusst offen lässt.

Wir alle wünschten, Vornamen wären kein Thema und müssten nicht zur Debatte stehen. In einer solchen Welt leben wir aber leider (noch) nicht. Bis dahin müssen wir die Hetzstrategien, die Fakes und die Faktenverzerrungen der AfD auseinandernehmen und ihr den Boden unter den Füßen wegziehen. Und genau die Doppelmoral thematisieren, die im öffentlichen Diskurs stattfindet: Wird eine Straftat begangen, werden Vornamen veröffentlicht und wehe, es ist einer, der der AfD nicht „deutsch“ genug ist. Shitstorm vorprogrammiert. Erscheinen jedoch Artikel über das beste Abitur Berlins und der Vorname des Schülers wird nicht erwähnt, spekuliert in der Kommentarspalte niemand darüber, ob der Name nun Maximilian oder Mohammad ist.

Unsere Analysen (siehe oben) zeigen: Die allermeisten Mohammads sind junge, friedliche Menschen, die Großartiges für Deutschland leisten. Vielmehr sind andere Faktoren ausschlaggebend in der Debatte, ob jemand gewalttätig wird, oder nicht. Ob jemand ein Einser-Abitur schreibt und studiert, oder nicht. Deutsch oder Nicht-Deutsch. Wobei auch die AfD Mohammad, den Einser-Abiturient, als Nicht-Deutsch einstufen würde und wir als Deutsch. Aber das ist ein anderes Thema. Lasst uns lieber darüber reden, welche Faktoren wir meinen.

Diese Faktoren sollten das eigentliche Zentrum in diskussionen sein

Ob jemand nach Schulabschluss studiert oder nicht, hängt maßgeblich davon ab, aus welcher Familie das Kind stammt. Sind die Eltern Akademiker:innen, liegen die Chancen ungemein höher, dass auch ihr Kind studieren wird. Akademiker:innenkinder beginnen fast 3x öfter ein Studium als Arbeiter:innenkinder. Je höher sie in der akademischen Leiter aufsteigen, desto stärker sind Arbeiter:innenkinder unterrepräsentiert. 

Quelle

Auch ökonomische Faktoren sind eine der wichtigsten, wenn es um die Debatte geht, wer studieren kann und wer nicht. Viele können sich ein Studium erst gar nicht leisten, können sie von ihren Eltern nicht unterstützt werden. In den Semesterferien müssen viele zumeist jobben, und können so wiederum nicht die geforderten Praktika absolvieren. Auch inhaltliche Unterstützung ist von Relevanz: können die Eltern beispielsweise nicht bei organisatorischen und thematischen Fragen helfen (z.B. die Hausarbeit Korrektur lesen), sind auch das erschwerende Hürden in der Unilaufbahn.

Quelle

Gehören deine Eltern nicht der Mittel- oder Oberschicht an, ist Deutschland darüber hinaus auch noch sehr langsam, wenn es darum geht, wie schnell man einkommenstechnisch aufsteigen kann. In Deutschland kann es bis zu sechs Generationen dauern, um von der untersten Einkommensschicht zur Mittelschicht zu kommen.

Jugendliche mit Migrationshintergrund haben es schwerer

Im Fall von Mohammed sind seine Eltern Akademiker:innen – über ihre soziale Schicht ist nichts bekannt und das ist auch gut so, da diese Informationen sehr privat sind. Statistisch gesehen hat Mohammad-Taha mit seiner Allgemeinen Hochschulreife aber schon etwas geschafft, was Jugendlichen mit Migrationshintergrund oft verbaut wird. Jugendliche mit Migrationshintergrund machen seltener Abitur oder Fachabitur als ihre Altersgenossen ohne Migrationshintergrund (17 Prozent im Vergleich zu rund 23 Prozent). Allerdings gilt auch: Wenn sie das Abitur oder Fachabitur schaffen, neigen sie häufiger dazu, ein Studium zu beginnen als Abiturienten ohne Migrationshintergrund (81 Prozent im Vergleich zu 78 Prozent).

Allgemein gerechnet sind Menschen mit Migrationshintergrund an Hochschulen immer noch unterrepräsentiert. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Studierenden ist geringer als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung in ihrer Altersgruppe. Im Jahr 2020 hatten rund 30,8 Prozent der Studierenden an Fachhochschulen und Universitäten Migrationshintergrund, in der Gesamtbevölkerung zwischen 15 und 25 Jahren waren es rund 35 Prozent.

Wir sehen also: Der berufliche und schulische Hintergrund deiner Eltern beeinflusst deine Bildungschancen, auch wirtschaftliche Faktoren spielen eine wichtige Rolle. Kinder aus Migrationsfamilien wird der Einstieg ins Studium zusätzlich erschwert. Diese Faktoren sind also in der Debatte darüber, wer studieren kann und wer nicht, relevant, nicht jedoch Vornamen!

Lasst uns mehr über Maskulinität und prekäre wirtschaftliche Bedingungen reden!

Auch in der Debatte darum, welches Profil am meisten Gewalttaten begeht, müssen wir endlich davon wegkommen, Gewalt mit Vornamen erklären zu wollen, sondern verstehen, dass auch hier die sozioökonomische Situation eine wesentliche Rolle spielt. Und das Geschlecht der Täter. Und zwar unter Deutschen und unter Migrant:innen. Diese Faktoren hat die AfD offensichtlich nicht auf dem Schirm. Die Rechtsextremist:innen laufen blind auf ihrer Rassismusschiene und wollen anscheinend nicht verstehen, dass Vornamen nichts mit der Anfälligkeit für Gewalttaten zu tun haben.

Die Faktenlage ist klar: Menschen, deren Einkommenslage prekär ist, sind eher bereit Straftaten zu begehen. Die Herkunft der Täter ist dabei irrelevant und taucht in den Kriminalstatistiken aus dem Grund auf, da nun mal viele Menschen, die zu uns kommen, jung und männlich sind. Unabhängig von der Herkunft ist das eben die Bevölkerungsgruppe, die am meisten zu Gewalttaten neigt. Anders ausgedrückt: Würden auf einen Schlag mehrere Tausende männliche junge Deutsche auswandern müssen und im Aufnahmeland traumatisiert und unter prekären Verhältnissen leben, sähe in diesem Land die Kriminalitätsstatistik ähnlich aus.

„Nicht die Herkunft, sondern die soziale Umgebung begünstigt Straftaten.“

Thomas Feltes, Kriminologe und Jurist

Fact am Rande: Es ist jedoch nicht so, dass nur junge Männer nach Deutschland fliehen. Wie genau sich die Zahlen aufteilen, kannst du hier nachlesen. Und wie du die Fake News der AfD über Kriminalität unter Flüchtlingen zerlegen kannst, zeigen wir dir hier.

christ oder muslim sein hat nichts mit deiner gewaltbereitschaft zu tun

Fest steht: Die dämliche Debatte darüber, wie gewalttätig doch Ausländer seien, sollte schon längst obsolet sein. Es gibt keine Gesellschaft, die gewaltbereiter ist als die andere. Auch ist kein Zusammenhang herzustellen zwischen Islam und Gewaltbereitschaft. Glaubst du mir nicht? Dann schau doch mal in diese Analyse rein:

Du wirst schnell feststellen: in den Ländern mit den meisten Tötungsdelikten -normiert auf jeweils 100.000 Einwohner- gehören jeweils mindestens 67% der Bevölkerung einer christlichen Glaubensgemeinschaft an: Katholiken, Protestanten, Freikirchen etc..Trauriger Spitzenreiter der Liste: Venezuela mit einer Tötungsrate von 62 auf 100.000 Einwohner, insgesamt fast 18.000 Tötungsdelikte in einem Land mit rund 32 Mio. Einwohnern, dicht gefolgt von El Salvador und Honduras. Was haben diese Länder gemeinsam? Prekäre wirtschaftliche Lage, viele Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze (in Venezuela mehr als zwei Drittel in extremer Armut, in El Salvador lebt fast die Hälfte der Menschen unterhalb der Armutsgrenze, ähnlich wie in Honduras) . Dass das Christentum die Menschen dort zu Gewalttaten anstiften würde, würde in diesem Kontext niemand behaupten.

Männlichkeit ist ein Faktor

Neben ökonomischen Faktoren sehen Psychologie und Geschlechterforschung den Grund für die enge Korrelation zwischen Männlichkeit und Gewalt in dem, was gemeinhin unter Männlichkeit verstanden wird. Denn nach wie vor herrscht ein Verständnis dessen, was als männlich gilt vor, in dem Macht, Durchsetzungskraft, Dominanz und Ignoranz wesentlich sind. Das Problem ist: Diese Werte und der Gedanke, dass sich durch sie Männlichkeit ausdrücken, sind konstruiert, also nicht natürlich. Das heißt, eine so verstandene Männlichkeit ist nicht einfach so da, sondern muss immer wieder hergestellt oder vorgeführt werden. Und kann entsprechend auch kaputtgehen.

Sie ist fragil und zerbrechlich, nicht selbstverständlich. Um als „echter Mann“ zu gelten, muss eine Person möglichst dominant und ignorant auftreten, egal ob sie da Bock drauf hat, ob es ihrem Naturell oder ihrer Einschätzung der Situation entspricht oder nicht. Solange Männlich-Sein also als erstrebenswert gilt und so verstanden ist, dass sie sich durch Dominanz und Ignoranz ausdrückt, wird Gewalt männlich bleiben und werden Gesellschaften ein Maß an Gewalt erdulden müssen, das nur existiert, um die Fragilität der Männlichkeit zu schützen.

Klingt unnötig? Oh ja. Also: Lasst uns endlich starre Geschlechtsvorstellungen über Bord werfen! Damit wir uns in Zukunft nicht mehr über Geschlecht oder Vornamen von Menschen, die Messerattacken durchführen, unterhalten müssen – sondern einfach (fast) keine Messerattacken mehr haben! Ginge es jedoch nach der AfD, würde Geschlechterforschung abgeschafft werden und die wirklich wichtigen Faktoren bei Gewalttaten könnten so weniger gut erforscht werden. Also: Pass auf, Merz!

Silvesterdebatte als Paradebeispiel für kollektive rassistische Vorverurteilung

Dass ein rassistisches Schwarz-Weiß-Denken aber leider immer noch die öffentliche Meinung und die kollektive Berichterstattung prägt, zeigte Silvester 2023. Die Silvesterdebatte war wirklich eindrucksvoll – aber leider im negativen Sinne. Diverse, auch seriöse Medien, sprangen auf den Zug der kollektiven rassistischen Vorverurteilung von Migrant:innen auf und mussten später ihre Zahlen revidieren. 

Hier könnt ihr nachlesen: 

In der Silvesterdebatte fehlte, wie so oft, die Einordnung ins Große und Ganze. Laut aktuellster PKS war 2021 das fünfte Jahr in Folge, in dem Deutschland so sicher war wie seit der Wiedervereinigung nicht und die Anzahl der Straftaten erneut, diesmal um weitere 4,9 %, gesunken sind. Achtung AfD: Nicht-Deutsche Tatverdächtige gingen um 3,6 % zurück und sog. „Zuwanderer“ sanken ebenfalls um 3,8 %. Die Zahl der Straftaten von sog. „Zuwanderern“ sank sogar am stärksten von allen (um 4,3 %, Vergleich deutsche: -1,7 %). Was passierte aber in der öffentlichen Debatte? Berlin Neukölln wurde an den Pranger gestellt, weil dort viele Migrant:innen leben und sich das eben gut für´s rassistische Framing nutzen ließ.

Ich nehme das [Anm. d. Red.: Debatte über die Silvesterkrawalle und die Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund] wahr wie einen Reflex, dass man der Debatte jetzt wieder das Etikett „Migration“ oder „Migrationshintergrund“ aufklebt und sich damit im Grunde in eine Sackgasse begibt. Das lässt durchblicken, dass man immer noch nicht verstanden hat, dass ein Migrationshintergrund mittlerweile normal ist – also eine Eigenschaft ist, die auf die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen in großen Städten zutrifft. Die Aussagekraft, dass viele der Beteiligten einen Migrationshintergrund haben, wird immer geringer oder tendiert gegen null. Demografisch gesehen wäre es eher erstaunlich, wenn die nicht die Mehrheit der Beteiligten stellen würden.

Jens Schneider vom Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück

diese fakten würde euch die afd niemals erzählen

Silvester zeigte also eindrücklich: passiert etwas Negatives in Deutschland, sind Migrant:innen und Menschen mit Migrationshintergrund ganz schnell die Sündenböcke. Tun aber Menschen, die von der AfD nicht als “Deutsch” eingestuft werden würden, gute Dinge, wird das so gut wie nicht thematisiert, wir sammelten bereits:

Auch der gesamtheitliche Blick auf die Arbeitsmarktentwicklung lohnt sich. Obwohl viele Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland diskriminiert werden und es auf dem Arbeitsmarkt schwerer haben, steigt deren Anzahl auf dem deutschen Arbeitsmarkt stetig an:

Quelle

Mohammad-Taha ist auf dem besten Weg, eine eindrucksvolle wissenschaftliche Karriere hinzulegen. Und er ist nicht der einzige, der überragende schulische Leistungen vorweisen kann. Auch über Nshel Ahmed würde die AfD niemals berichten: Sie ist seit 2015 in Deutschland und in der Schule sehr erfolgreich. Auch sie steht exemplarisch für die vielen Kinder aus Einwandererfamilien, die jeden Tag alles geben und Beispiele dafür sind, wie stark Migration eine Bereicherung für Deutschland ist.

Quelle

An dieser Stelle möchte ich einmal deutlich machen, dass selbstverständlich auch diejenigen Menschen, die nicht in der Zeitung, in den Sozialen Medien oder anderswo auftauchen, Beispiele für gelungene Integration sind. Da draußen gibt es so viele Menschen, die jeden Tag zur Arbeit gehen, Deutschkurse besuchen, die Schule gewissenhaft absolvieren, sich anstrengen, Deutschland zu verstehen, Steuern zahlen und so viel mehr. Menschen, die nicht gesehen werden, aber nichtsdestotrotz so wichtig sind. Diese Menschen wollen wir natürlich nicht weniger wertschätzen, nur weil wir Mohammad-Taha als Musterbeispiel für diesen Artikel herangezogen haben.

Diese Gewalttaten verschweigt euch die AfD

Über die ganzen Mohammad-Tahas und Nshels da draußen schweigt die AfD gewissenhaft. Spätestens seit dem Fall Lübke wurde klar: auch über rechte Gewalttaten schweigt sie und legt eine Doppelmoral an den Tag. Sie versucht, Migrant:innen einen überproportionalen Anteil an Gewalttaten anzuhängen (vergeblich, siehe oben), wenn es dann aber um Gewalttaten in den eigenen rechten Kreisen geht, wird es plötzlich still um die Partei bzw. es wird sogar noch versucht, sich selbst als Opfer zu inszenieren.

Wir erinnern uns: 2019 erschoss der Rechtsextremist Stephan Ernst den CDU-Politiker und Kasseler Regierungspräsidenten, Walter Lübke. Das Motiv? Lübke sprach sich offen und deutlich gegen Rassismus aus und wies Rechtsextreme in die Schranken. Der Täter marschierte unter anderem bei AfD-Demonstrationen mit. 

Vier Jahre ist der Mord jetzt her. Jedoch leitete er die rechtsextreme Gewalt in Deutschland nicht ein, sondern war leider nur einer von vielen Fällen. Der NSU ermordete zuvor bereits zehn Personen, es folgten die Attentate von Hanau und Halle. Während der Pandemie sollte Lauterbach entführt werden und in Idar-Oberstein erschoss ein Mann einen Tankstellenwärter, der ihn auf die Maskenpflicht hinwies. Alles Einzelfälle? Wohl kaum – im Netz sammeln sich offene Mordaufrufe, die Zahl politisch motivierter Straftaten war zuletzt so hoch wie nie. Und die AfD? Schweigt, wenn es um die Taten ihrer eigenen Leute geht. 

Unser Punkt ist: Es ist nicht nur ungerecht, es ist rassistisch, Menschen mit Migrationshintergrund als Sündenböcke für das, was in Deutschland schlecht läuft, hinzustellen. Siehe Silvester, siehe die Debatte über Messerstechereien. Die PR-Strategie der AfD ist es, Ausländerfeindlichkeit zu schüren, indem sie zum Beispiel bei Gewalttaten nach den Vornamen der Täter fragt. Nach all den Analysen, die wir euch zusammengefasst haben, sollte doch aber klar sein, dass Vornamen erstens nichts mit mehr oder weniger Deutsch sein zu tun haben und zweitens von der AfD instrumentalisiert werden.

Werden wir 2050 immer noch über Vornamen debattieren?

Wie sinnlos und rechtsextrem die Debatte über Deutsche und angebliche „Nicht-Deutsche“ in Wirklichkeit ist, dazu geben wir euch in diesem Artikel einen Impuls:

Wenn du noch mehr darüber erfahren willst, wie die AfD Ausländer Kriminalität anhängen will, dann schau hier rein:

Ja, ich wünsche mir, dass wir 2050 nicht mehr über Vornamen debattieren und Vornamen dann nicht mehr dazu missbraucht werden können, Menschen zu diskriminieren, auszugrenzen und rassistisch zu beleidigen. Bis dahin ist es jedoch noch ein langer Weg.

Artikelbild: Screenshot tagesspiegel.de/canva.com