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Putins Neujahrsansprache: Eine Schauspielerin für Propaganda?

von | Jan 3, 2023 | Faktencheck

Putin ist, neben dem Starten eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges und dem Errichten einer brutalen Diktatur in Russland, auch für das regelmäßige Verbreiten allerlei Lügen bekannt. Auch um seinen Angriffskrieg und seine Kriegsverbrechen zu leugnen, verbreiten Putin und seine Staatspropaganda jede Menge Lügen, wie auch wir regelmäßig belegen. Man kann durchaus sagen: Wenn Putin und der Kreml etwas behaupten, sollte man automatisch den Verdacht haben, dass etwas gelogen ist. Aber das heißt nicht, dass alles immer Fake und gelogen ist. So mit der Soldatin und vermeintlichen Schauspielerin bei Putins Neujahrsansprache.

Neujahrsansprache mit Fake Soldatin?

Putin hatte zum neuen Jahr eine Rede gehalten hatte, in der er wieder einmal versucht, seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu legitimieren. Dabei war er nicht wie üblich bei Neujahrsansprachen vor dem Kreml zu sehen, sondern in einem nicht genauer spezifizierten militärischen Hauptquartier, umgeben von Soldat:innen.

Verschiedene Twitteruser, Journalist:innen und Medienhäuser hatten daraufhin begonnen, die im Bild zu sehenden Soldat:innen genauer unter die Lupe zu nehmen. Viele stellten in Frage, dass es sich dabei tatsächlich um Soldat:innen handelt. Der „Bild“-Schreiber Julian Röpcke hatte mit typischer BILD-Recherchequalität etwa behauptet, bei einer der Soldatinnen handele es sich um eine Schauspielerin:

Schauspieler für Putins Inszenierung?

Bereits in der Vergangenheit gab es Vorwürfe, dass Putin die immer gleichen Personen für seine Foto-Shootings nutzte.

Der belarussische Journalist Tadeusz Giczan hatte zuvor einen Tweet abgesetzt, der nahelegte, dass es sich bei der Soldatin um eine Person handelte, die schon mehrmals auf solchen Bildern mit Putin aufgetaucht war. In diesem Zusammenhang wurden Bilder einer blonden Frau, die einmal in orangenem Anzug auf einem Boot und einmal mit rosa Schal in einem Gottesdienst jeweils neben Putin auftaucht, neben das Bild mit der Soldatin aus der Neujahrsansprache gestellt, um zu zeigen, dass es sich dabei um die selbe Person handle. Ähnliche Behauptungen waren in zahlreichen Medien aufgegriffen und verbreitet worden, zum Beispiel von Focus Online.

Blonde Frau = Blonde Frau?

Bei genauerem Hinsehen scheint es sich hier aber um eine Falschinformation zu handeln. Tatsächlich dürfte es sich sehr wahrscheinlich um zwei verschiedene Frauen handeln. Bei der Soldatin handelt es sich laut der Zeitung Izvestia um Anna Sidorenko, eine Militärärztin im 71. Regiment. In einem Artikel, der bei der russischen regierungsnahen Zeitschrift Izvestia am Abend des 31. Dezember, also unmittelbar nach der Ausstrahlung der Neujahrsrede, erschienen ist, ist sie in einem Video zu sehen und spricht über die Auszeichnung, die sie von Putin erhalten hat. Auch andere Personen, die auf den Fotos von der Neujahrsrede im Hintergrund stehen, kommen in dem Video zu Wort. An der Echtheit dieser Aufnahmen und des Namens gibt es zunächst keine Zweifel.

Bei der Frau, die auf den anderen Bildern zu sehen ist, handelt es sich dagegen bekanntermaßen um eine Lokalpolitikerin aus Nowgorod. Serguhina Larissa Borissowna ist Mitglied der Putin-Partei Einiges Russland und in der Regionalduma in Ausschüssen für Ökologie und Landwirtschaft aktiv.

Für die Frau in verschiedenen „Rollen“ gibt es eine plausible Erkärung

Die beiden anderen Bilder, die sie einmal in einem orangenen Anzug auf einem Boot und einmal mit rosa Kopftuch in der Kirche zeigen, sind schon älter und hatten vor vier fünf Jahren schon einmal für Spott gesorgt. Bei verschiedenen Fototerminen waren damals Bilder mit den selben Personen entstanden, zusammen mit der Behauptung, es handele sich jeweils um „einfache Bürger“. Die ersten Bilder entstanden im September 2016 bei einem Besuch Putins am Ilmensee in der Region Nowgorod.

Die zweiten am russischen Weihnachtsabend drei Monate später, dem 6.1. 2017 im Spaso-Yuryev-Kloster bei Nowgorod. Bei den gezeigten Personen handelt es sich eindeutig um die selben Menschen, was zunächst für Spott gesorgt hatte. Allerdings hatten sich im Nachhinein mehrere russische Zeitungen (hier, hier und hier) des Themas angenommen und die Lage überprüft. Das Ergebnis: Putin hatte sich laut Pressestelle des Kreml sowohl im September als auch an Weihnachten tatsächlich mit den selben Leuten aus der Region getroffen. Die Fischer waren nach dem Treffen im September auch bei Putins nächstem Besuch zum Weihnachtsgottesdienst und anschließendem Essen eingeladen worden.

Bei allen außer der blonden Frau – Serguihna Larissa Borissowna – handelte es sich außerdem tatsächlich um Fischer. Eine der Zeitungen hatte die abgebildeten Männer ausfindig gemacht und verschiedene Sozial Media Profile gefunden, die sie bei ihrer Arbeit auf den Booten zeigen. Berissowna war zu diesem Zeitpunkt noch Unternehmerin im Fischereigewerbe.

Ausnahmsweise keine Lüge aus dem Kreml

Fest steht also: Auf den alten Bildern aus der Kirche und vom Schiff ist eindeutig die selbe Frau zu sehen – allerdings gibt es dafür eine sehr plausible Erklärung. Bei den nun veröffentlichten Bildern von der Neujahrsansprache handelt es sich dagegen um eine andere Frau.

Spätestens der Blick auf aktuellere Bilder von Borissowna sollte klar machen, dass es sich bei der Soldatin nicht um die selbe Person handeln kann. Borissowna ist 1965 geboren, dass heißt sie ist heute 57 Jahre alt. Die Soldatin aus der Neujahrsansprache sieht eindeutig etwas jünger aus. Auch wenn man nie vergessen sollte: Der Kreml lügt dauernd. Es scheint in Russland aber mehr als eine blonde Frau zu geben – und manches zu leicht gefundene Fressen ist am Ende vielleicht doch keines.

Artikelbild: Screenshots