Buhrow & Öffentlich-Rechtliche: Vor rechtem Jammern buckeln, linke Kritik ignorieren?

| 2. Januar 2020

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Die Lehren aus der Umweltsau

Wir müssen noch einmal über die Umweltsau reden. Darüber, dass es sich eigentlich nur um eine geschickte Manipulation des öffentlichen Diskurses durch Rechte und Rechtsextreme gehandelt hat (Mehr dazu), dass die vermeintliche Kritik am Liedtext sinnlos war (Mehr dazu) oder dass die implizite Kritik an den älteren Generationen nun mal auch angebracht war (Mehr dazu), wurde ja bereits viel gesagt. Die ganze Debatte ist sinnlos und lächerlich. Aber viel erschreckender ist das Verhalten der Verantwortlichen des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks, allen voran Tom Buhrow, seit gestern ARD-Vorsitzender.

Denn wie inzwischen Medienanalysen zeigen, war die Umweltsau-Hysterie selbstverständlich zunächst eine rechte, inszenierte Empörungswelle, auf der erst später Konservative und andere aufsprangen, entweder weil sie auf die falsche Interpretation des Liedtextes herein fielen oder aus opportunistischen Gründen, um Applaus von Rechts zu erhalten. Dass der WDR sich doch größerer Kritik auch aus nicht-rechten Kreisen gebeugt hätte, und in die Kunstfreiheit eingriff, wäre an sich schon schlimm genug gewesen. Doch der WDR löschte das Video beinahe unverzüglich nach den ersten Bullshit-Vorwürfen von rechtsextremen Accounts.

Dadurch legitimierten sie nicht nur die Vorwürfe, die ausschließlich auf absichtlichen Falschdarstellungen der Intention des Liedes beruhten. Sie machten es durch das Löschen für die breite Masse unmöglich, sich ein eigenes Bild des Liedes zu machen. Und damit viele anfälliger für die falsche, rechte Interpretation. Und noch schlimmer: Es hat gezeigt, dass es nicht einmal breite Empörung braucht, dass der ÖR nachgibt. Es reicht ein (damals noch) kleiner, inszenierter Shitstorm von rechten und rechtsextremen Accounts, damit diese das Programm (mit)bestimmen können.

WDR-Intendant Buhrow distanzierte sich gleich mehrmals deutlich vom Satire-Video, zog einen unsinnigen Vergleich, was wohl gewesen wäre, wenn die Kinder anstelle von “Oma” von “Ali” gesungen hätten (Quelle) und rief sogar in einer Zuschauersendung vom Krankenbett seines Vaters an, um selbst die irreführende Kritik am Lied zu wiederholen.



Wäre es “Ali” gewesen, hätte der ÖR das Video nicht gelöscht

Dabei zeigt die Vergangenheit, dass “Ali ist eine Umweltsau” eben nicht die gleiche Reaktion nach sich gezogen hätte. Denn während es reicht, wenn rechtsextreme Accounts absichtlich die Intention eines Satire (!) Beitrags verzerren, um Pseudo-Kritik zu üben und um ein Video zu löschen, kann Kritik von “links” (oder besser: Mit an Rechten) nichts dergleichen erreichen. Unser Autor Stephan Anpalagan beschreibt es sogar so: “Menschen, die die öffentlich-rechtlichen Sender liebevoll als “Asylkritiker” oder als “besorgte Bürger” bezeichnen, haben einen besonders kurzen Draht in die Chefredaktion.”

Wenn “Hart aber fair” mit dem AfD-Politiker Uwe Junge einen rechtsradikalen Gast einlud, was sogar der Presserat kritisierte und diesem lediglich unkritisch eine Bühne lieferte, verteidigte Tom Buhrow diese Einladung (Quelle, Quelle). Die Kritik am Sendungstitel “Heimat Deutschland – nur für Deutsche oder offen für alle?” ebenfalls von “Hart aber fair” wurde ebenfalls abgewiesen. Mit dem Hinweis, dass das Thema Heimat nun mal “kontrovers wahrgenommen” werde (Quelle).

Der Kabarettist Uwe Steimle durfte Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Rechtspopulismus in seinen Auftritten verbreiten und mit einem “Kraft durch Freunde”-Shirt posieren. Der MDR verteidigte sich damit, dass es ja nur Satire sei (Quelle). Trotz heftiger Kritik an den Falschbehauptungen und diffamierenden Aussagen Dieter Nuhrs gegenüber Greta Thunberg argumentierte RBB, dass Satire “anecken” und “polarisieren” müsse. Und Nuhr ebenso wie der Sender Widerspruch aushalten müsse (Quelle). Man fragt sich hier bereits, warum diese Dinge nicht auf das Umweltsau-Video zutrafen.

Weitere Fälle, in der auf rechte Kritik sofort reagiert wurde

Doch der Umweltsau-Vorfall und die rasche und lächerliche Distanzierung von Buhrow ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass Kritik von “Rechts” von den Öffentlich-Rechtlichen viel ernster genommen wird als Kritik daran. Wenn ein Kameramann eine Jacke der Punkband Slime trägt, das bei einem Schäuble-Interview kurz zu sehen ist und das gleich zu linksradikaler Unterwanderung des ÖR von der AfD hochskandalisiert wird, reagierte das ZDF sofort und entschuldigte sich (Quelle).

Als die AfD eskaliert, weil in einer Polizeiruf 110-Folge eine fiktive Polizistin Anti-AfD-Sticker auf ihrer Bürowand kleben hatte (Mehr dazu), reagierte der NDR sofort. Sprach von einem Versehen und retuschierte die Sticker weg (Quelle). Als während einer WDR-Sendung ein Kaffeeexperte ein T-Shirt mit der ironischen Aufschrift “Barista, Barista! Antifascista!” trug, reagierte der WDR wieder umgehend auf Pseudo-Empörung der rechtsextremen AfD und der ihr nahestehenden, ebenfalls rechtsextremen “Ein Prozent”-Organisation. Und retuschierte das Shirt weg, nur um später zu begreifen, dass das lächerlich gewesen ist, das Shirt ironisch und unpolitisch war und es wieder re-retuschierte (Quelle).

Als ein Gerätekoffer von phoenix mit “Say no to racism”, “Schöner Leben ohne rechten Hass” oder “Bunt statt braun” beschriftet war und sich die AfD erwartungsgemäß wieder grundlos aufregte (Was ist an einem Statement gegen Rassismus denn kontrovers?), bedauerte der Sender wieder, dass der Koffer zu sehen war. Man merkt, wie merkwürdig es ist, dass der ÖR es inzwischen schon bedauert, wenn Aufkleber mit “Sage nein zu Rassismus” zu sehen sind. Zumindest sobald Rechtsextreme jammern. Aber rechte Verschwörungstheorien und Antisemitismus müsse man nun mal aushalten?

Öffentlich-Rechter Rundfunk?

Völlig egal, wie haltlos oder absurd die “Kritik” (oder besser gesagt: Inszenierte Empörung) von Rechtsextremen ist, sie wird vom ÖR absolut ernst genommen. Es wird reagiert und manchmal umgehend nachgegeben. Intendanten wie der neue ARD-Chef Buhrow legitimieren sie durch das Übernehmen der falschen Darstellungen und ihrer Distanzierungen auch noch. Das ist nicht nur problematisch, weil es in sich nicht konsequent ist, sondern weil Kritik genau aus der Ecke ernst genommen wird, die “Lügenpresse”-Verschwörungstheorien verbreitet, Gewaltfantasien gegen Mitarbeiter*innen äußert, den ÖR insgesamt abschaffen möchte und für die meisten Angriffe auf Journalist*innen verantwortlich ist (Mehr dazu).

Heiko Hessenkemper 👍🇩🇪#MutzurWahrheit #wwsj

Gepostet von Wir werden sie jagen am Samstag, 19. Oktober 2019

Journalist*innen werden regelmäßig Opfer rechter Gewalt, Mely Kiyak, Yassin Musharbash, Deniz Yücel, Özlem Topçu, Hasnain Kazim, Georg Restle, Anja Reschke und Özlem Gezer erhielten unzählige rassistische Kommentare oder Morddrohungen (Quelle, Quelle, Quelle), 2018 wurden 22 gewaltsame Angriffe von Rechten auf Journalist*innen dokumentiert – von insgesamt 26 (Quelle). Allein 9 davon an einem Tag in Chemnitz. Ganz zu schweigen von Fällen, in denen Journalisten weißes Pulver zugeschickt bekommen, was zu Polizei-Großeinsätzen führt.

Großeinsatz: Der Höhepunkt einer Drohkampagne gegen Demo-Journalisten?

Erst im Zuge der Umweltsau-Hysterie und der halbherzigen Kritik von Buhrow an rechten Drohungen marschierten Neonazis vor der WDR-Zentrale auf und schickten unzählige Morddrohungen an einem WDR-Redakteur. Und tauchten sogar vor seinem Haus auf (Quelle). Erst vor zwei Tagen veröffentlichte der Journalist Richard Gutjahr einen vernichtenden Blogpost, in welchem er beschreibt, wie er seit Jahren Zielscheibe rechtsextremer Hasskampagnen wurde (“Psychoterror”). Und vom BR völlig im Stich gelassen wurde.

Lügenpresse wirkt

Es gibt zwei Gründe, warum der massive Angriff auf die Presse- und Kunstfreiheit durch Rechtsextreme anscheinend so erfolgreich sein könnte. Einerseits könnte es daran liegen, dass so manche*r Verantwortliche mit dieser Ideologie sympathisiert oder sie zumindest mehr nachvollziehen kann als Kritik an dieser. Oder dass zumindest die Ansicht verbreitet ist, dass das Publikum das so sieht. Das wäre höchst problematisch. Genau so problematisch, mindestens jedoch tragischer wäre es jedoch, wenn das eben nicht der Fall ist und die Morddrohungen, die Hasswellen, die “Lügenpresse”-Vorwürfe und die Gewalttaten einfach wirken.

Das würde bedeuten, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk oder Intendanten wie Tom Buhrow in die Ecke gedrängt werden, wenn Rechtsextreme sich alle möglichen Quatsch-Vorwürfe ausdenken und Morddrohungen verschicken. Man will beweisen, dass man keine “Lügenpresse” ist. Und zeigt klare Kante gegen “links” und gibt jeden Vorwürfen von Rechts ohne zu zögern nach. In der falschen Hoffnung, die “Kritiker” zufrieden zu stimmen und dass die Vorwürfe weniger werden. Doch das ist genau so falsch wie naiv.

Gefahr für die Demokratie und Meinungsfreiheit

Die rechtsextremen Vorwürfe sind beinahe vollständig von der Realität losgelöst. Sie werden nicht nachlassen, wenn man nachgibt. Im Gegenteil, sie werden dann erst recht als funktionierende Strategie wahrgenommen, mit der man nicht vermeintliche Fehler korrigiert, sondern mit der man die Meinungshoheit erringt. Es geht nicht um unfaire Darstellungen. Sondern darum, andere Meinungen auszumerzen. Während Rechtsextreme die Lüge verbreiten, die Herkunft von “ausländischen” Tatverdächtigen werde systematisch mit Absicht verschwiegen, zeigen Studien, dass diese 19-mal häufiger erwähnt werden als proportional angebracht wäre (Mehr dazu).

Rechtsextreme denken sich die meisten Vorwürfe aus und versuchen, gezielt den Diskurs zu manipulieren und Hysterie erzeugen. Um letztlich die Öffentlichkeit auf Parteilinie zu bringen und Kritiker*innen zu unterdrücken. Und wenn Journalist*innen dieser Einschüchterung nachgeben, geben sie ihnen genau das, was sie wollen. Wir brauchen dringend eine neue Haltung, die Solidarität mit den eigenen Kolleg*innen ermöglicht. Und nicht gleich jede rechtsextreme Pseudo-Hysterie ernst nimmt. Sonst werden Aussagen gegen Rassismus aus dem Diskurs verbannt, wenn genau jener “ausgehalten werden muss”. Und schon läuft nur noch Rassismus im Fernsehen.

Artikelbild: Martin Kraft, CC BY-SA 4.0

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