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So diskutierst du an Weihnachten mit deinen Angehörigen über Impfungen & Corona

von | Dez 22, 2021 | Aktuelles, Corona, Corona-Fake, Faktencheck, Schwer verpetzt

Fakten für die Familienfeier

Die Feiertage rücken näher, und leider haben wir wegen Omikron und der mangelnden Impfbereitschaft einiger unserer Mitmenschen auch 2021 wieder Corona-Probleme an Weihnachten. Das RKI empfiehlt wegen der dramatischen Lage auch für private Zusammenkünfte maximal 10 Personen (sofern nicht alle geimpft und geboostert sind, dann 15, Quelle). Wenn ihr euch in wenigen Tagen nun dennoch im (kleinen) Kreise eurer Angehörigen befindet, kann es zum Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Informationsständen zu Corona und Impfungen kommen. Habe ich jetzt sehr trocken ausgedrückt.

In anderen Worten: Es könnte ordentlich krachen, wenn einige eurer Angehörigen auf Fake News rund um Corona oder Impfungen hereingefallen sind und möglicherweise immer noch ungeimpft sind. Das findet natürlich niemand toll und wir wünschen euch viel Harmonie in eurer Familie. Dennoch wollen wir euch mit diesem Text das Handwerkzeug an die Hand geben, wie ihr am Esstisch oder unter dem Weihnachtsbaum Desinformation abwehrt und kontert. Denn abseits von Social Media können Fake News viel Verunsicherung (und Viren) streuen und wenn ihr widersprechen wollt, damit sich niemand „ansteckt“, haben wir euch Fakten gesammelt und weiter unten erklärt, wie man am besten Überzeugungsarbeit leistet, ohne zu streiten.

Erst einmal einige Fakten, die Querdenker nicht wahr haben wollen

Klappern wir erst einmal die echten Fakten durch. Denn es ist immer ganz wichtig, nicht die Fake News zu wiederholen, (selbst um ihnen zu widersprechen), sondern zuerst die Fakten in den Raum zu stellen. Kontern könnt ihr mit dieser Auflistung, wir haben euch die Studien und Quellen dazu verlinkt, die könnt ihr nachliefern, wenn nötig. Es funktioniert nämlich immer besser, wenn eure Querdenken-Affinen Verwandten versuchen müssen, seriöse Studien zu widerlegen, anstatt dass ihr versuchen müsst, Sharepics oder Gerüchte vom Wendler oder so zu erklären.

„Quelle“ sind in der Regel Studien und wissenschaftliche Quellen, „mehr dazu“ Artikel – wo dann natürlich wissenschaftliche Quellen zu finden sind.

  • Studien zeigen: Geimpfte sterben sogar seltener als Ungeimpfte an Nicht-Covid-Gründen (Studie, mehr dazu).
  • Wer Angst hat vor Myokarditis (Herzmuskelentzündung), sollte sich impfen lassen: Myokarditis ist bei Covid-19-Infektion bei jungen Menschen etwa 6-mal wahrscheinlicher als bei einer mRNA Impfung (Quelle).
  • Studien zeigen: Geimpfte Frauen sind genauso fruchtbar wie ungeimpfte und kriegen genau so häufig Kinder (Quelle).
  • Der Impfstoff wirkt enorm stark gegen Infektion und schweren Verlauf (Quelle, mehr dazu – Studien noch zu Delta).
  • Auch wenn Geimpfte das Virus weitergeben können, wird dieses Risiko laut RKI vermindert (Quelle).
  • Die Booster-Impfungen neutralisieren in etwa ersten Studien zu Folge den durch Omikron verlorenen Schutz (Quelle).
  • Impfungen dämmen demnach die Pandemie ein (Quelle).
  • Auch wenn es zu Impfdurchbrüchen – also Erkrankungen trotz Impfung – kommt (Quelle), verlaufen diese in der Regel milder (mehr dazu).
  • Wir werden ziemlich wahrscheinlich keine bisher unbekannten Spätfolgen der Impfung finden – Nebenwirkungen bei Impfungen findet man durch viele Probanden, nicht lange Zeit (mehr dazu).
  • Jeder zehnte Corona-Erkrankte, der nicht auf die Intensivstation musste, hat danach bleibende Probleme – eine Impfung vermindert die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung („Long Covid“) (Quelle, Quelle, mehr dazu).
  • Ungeimpfte landen etwa 9 mal häufiger auf der Intensivstation als Geimpfte (mehr dazu).
  • Das Statistische Bundesamt stellt fest: Es gab im ersten Pandemiejahr eine Übersterblichkeit (mehr dazu).
  • Sämtliche in Deutschland zugelassenen Impfstoffe haben alle Test- und Prüfphasen durchlaufen (Quelle).
  • Über 70% der Deutschen wurden mindestens einmal geimpft (Quelle), und jeder zweite Mensch der Welt, über 4,4 MILLIARDEN Menschen (Quelle). Denkt ihr nicht, massive, gravierende Nebenwirkungen wie Tod oder Unfruchtbarkeit wären langsam mal allen aufgefallen?

Fake News, die ihr möglicherweise zu hören bekommt

Hier eine Liste an verbreiteten Fake News und Gerüchten, die ihr möglicherweise zu hören bekommt, mit dazugehörigen Faktenchecks und Quellen.

  • In Deutschland sind bisher geschätzt vielleicht 70 Todesfälle in einem Zusammenhang mit Impfung wahrscheinlich, erklärt das Paul-Ehrlich-Institut (Quelle, Quelle). Das ist aber auch nicht sicher. Darunter war ein erheblicher Teil der gemeldeten Todesfälle bei Menschen mit schweren Vorerkrankungen. Bei über 58 Millionen Geimpften in Deutschland wohlgemerkt. Andere Zahlen, wie die angeblich 5000 Todesfälle (in der ganzen EU) oder das Hernehmen aller Verdachtsmeldungen, die alle Todesursachen auch Monate nach der Impfung erfasst, sind eben genau das: Nur Verdachtsmeldungen. Und wirklich jeder kann anonym einen Verdachtsfall eintragen. Es ist schon vorgekommen, dass Impfgegner:innen selbst fiktive Verdachtsfälle eingetragen haben, um die Zahl hochzutreiben. Diese werden danach erst geprüft.
  • Wer noch Kinder kriegen will, sollte sich impfen lassen: Es erhöht die Wahrscheinlichkeit, Corona zu überleben und danach dann eben noch Kinder kriegen zu können. Unfruchtbarkeit hat man bei Milliarden Frauen und nach einem Jahr keine gefunden (Quelle, mehr dazu).
  • Es gibt keine vermehrten Fälle von Sportler:innen, die Herzstillstände bekommen haben, die man mit Impfung in Verbindung bringt. Listen, die dazu kursieren, sind Fake News. Die Fälle auf der Liste stammen teilweise aus der Zeit vor Corona, waren gar keine jungen, aktiven Sportler:innen, sondern sogar 50, 62 oder 74 Jahre alt oder es gibt keinen Beweis, dass diese geimpft waren. Herz-Kreislauferkrankungen sind in Deutschland seit vielen Jahren die häufigsten Todesursache. Auch in den Vorjahren, vor Corona, gab es derartige Fälle (mehr dazu). Und außerdem nochmal: Myokarditis ist bei Covid-19-Infektion bei jungen Menschen etwa 6-mal wahrscheinlicher als bei einer mRNA Impfung (Quelle).
  • Ein Fall von unwissenschaftlich erhobenen Daten einer Versuchsreihe (Ventavia) betrifft nur 2,5% der Zahlen einer einzigen Studie zu einem einzigen Impfstoff. Viele andere, von Impfstoffherstellern unabhängige Studien belegen die Wirksamkeit und Sicherheit der Impfungen (mehr dazu).
  • Impfungen STÄRKEN das Immunsystem (gegen den Erreger), sie schwächen es nicht (mehr dazu).
  • Die Corona-Impfungen sind nicht noch „unerforscht“ und die allgemein verabreichten werden nicht noch „getestet“. Siehe oben: Sämtliche in Deutschland zugelassenen Impfstoffe haben alle Test- und Prüfphasen durchlaufen (Quelle). Nur halt in einem beschleunigten Verfahren (mehr dazu).
  • mRNA-Impfstoffe basieren zwar auf Gentechnik, aber sind keine „Genmanipulation“ und können eure DNA nicht verändern (mehr dazu).
  • Die Corona-Strategie Schwedens im letzten Jahr ist offiziell als gescheitert erklärt worden (mehr dazu).
  • Die „Pathologie-Konferenz“ ist keine echte Konferenz, die beteiligten Wissenschaftler sind alle im Ruhestand und dort hat man offenbar keine Obduktion selbst durchgeführt und einfach ohne Belege Dinge behauptet (mehr dazu).

Viele weitere, konkrete Faktenchecks findet ihr natürlich bei uns oder bei unseren Kolleg:innen von Correctiv oder Mimikama und anderen.

Und so überzeugst du Sturköpfe an Weihnachtsfeiern

Wir bei Volksverpetzer erklären seit langem die paradoxe Tatsache: Aufklärung und Faktenchecks bringen nichts. Zumindest nichts bei denjenigen, die schon ganz tief drin stecken in der Fake-News-Welt. Studien zeigen: Die Faktenchecks werden fast ausschließlich von unserer eigenen „Filterblase“ gelesen – Also allen denjenigen, die die Mythen sowieso nicht glauben und eher nicht darauf hereinfallen. Also Faktenchecks sind sinnvoll – sonst wären wir nicht hier – aber nicht so sehr bei denen, die es am bittersten nötig haben. Das zeigen Jahre an Studien – und unsere Erfahrungen (Quelle, Quelle). Die Impfgegner:innen teilen untereinander einen Fake nach dem anderen, aber wenn sie Volksverpetzer lesen, kriegen sie automatisch Ausschlag, völlig egal, wie stichfest wir sie widerlegt haben. Es wird ignoriert, beschimpft oder man behauptet, wir seien nur „gekauft“ oder sowas. Das gilt aber nicht so sehr dafür, wenn ihr eure Angehörigen persönlich unterm Weihnachtsbaum antrefft.

Die mentalen Fallstricke, die jeden von uns in die Verschwörungswelt abrutschen lassen können

Zuerst einmal die Hintergründe, wie man in eine Verschwörungswelt abrutschen kann: Wie kann es sein, dass manche einfach völlig verblendet, besessen und radikal an Lügen festhalten? Dazu muss man zuerst verstehen, wie sich Menschen ein Weltbild bilden. Wer seinen Glauben nicht von Fakten, offiziellen Quellen oder Studien abhängig gemacht hat, der wird von diesen auch nicht vom Gegenteil überzeugt. Wir Menschen beurteilen den Wahrheitsgehalt von Aussagen nicht, indem wir sie auf ihre logische Integrität prüfen, mit Fakten abgleichen oder belegbare Quellen dafür recherchieren. Wir glauben gerne, dass wir das tun. Was wir als erstes machen, ist: Wir überlegen uns, ob diese Aussagen in unser Weltbild passen. Aber das muss ja nicht richtig sein.

Millionen Jahre Evolution haben uns erstaunliche Fähigkeiten gegeben, Dinge wahrzunehmen, unsere Erfahrungen zu verarbeiten und auszudrücken und weiterzuverbreiten. Doch so rational für wie wir uns halten, sind wir keineswegs. Unser Gehirn neigt ständig dazu, geistige „Kurzschlüsse“ zu produzieren, die uns sehr irrational handeln lassen können.

Neurowissenschaftler:innen und Psycholog:innen sprechen von „Kognitiven Verzerrungen“ (cognitive biases). Kurz gesagt sind das Fehler, die unser Gehirn macht, wenn es Folgerungen zieht oder etwas bewerten muss. Normalerweise werden diese hervorgerufen, wenn wir eine neue Situation mit einer früheren emotionalen Erinnerung assoziieren. Diese kognitiven Verzerrungen passieren uns jeden Tag und meistens sind wir uns dessen nicht bewusst. Und tatsächlich liegt der Grund, wieso manche Freund:innen oder Familienmitglieder unkritisch irgendwelche Gruselgeschichten über Impfungen glauben oder sich um „Langzeitdaten“ sorgen.

Hier einige wichtige Denkfehler, denen wir zum Opfer fallen:

VERFÜGBARKEITSHEURISTIK (AVAILABILITY HEURISTIC):

Wir überschätzen stets die Informationen, die uns zur Verfügung stehen. Selten geben wir zu, dass wir einfach nicht genug über etwas Bescheid wissen, um uns eine Meinung über etwas zu bilden. Die wenigsten von uns kennen oder sind Virolog:innen oder Epidemie-Expert:innen. Kaum einer liest die neuesten Studien. Klar, deswegen ist es das Beste, sich bei der Weltgesundheitsorganisation, beim Robert Koch Institut, über offizielle Behördenmitteilungen oder beim Podcast „Coronavirus-Update“ mit Christian Drosten zu informieren. Aber auch Menschen, die das nicht tun, denken, sie hätten alle wichtigen Informationen. Erst recht wenn sie unseriöse Medien wie RT De, Reitschuster (hier, hier, hier, hier oder hier) oder Pseudo-Expert:innen wie Wolfang Wodarg (hier, hier, hier) zuhören, die behaupten, die Desinformationen, die sie streuen, seien die richtigen und wichtigen Informationen (mehr dazu).

MITLÄUFEREFFEKT (BANDWAGON EFFECT):

Ich glaube umso eher etwas, je mehr andere Menschen dies auch glauben. Das sprichwörtliche Herdendenken. Wenn viele Menschen in meinem Bekanntenkreis überzogen vor möglichen Spätfolgen warnen, die wissenschaftlich einfach nicht zu erwarten sind, desto eher nehme ich solche Ansichten ernst und teile sie weiter. Gerade Unentschlossene schließen sich gerne der vermeintlichen Mehrheit an, um nicht als Außenseiter:in zu gelten. Deshalb tendieren bestimmte soziale Milieus dazu, sich zu homogenisieren. Dazu kommen noch soziale Mechanismen wie Gruppenzwang. Deswegen ist Gegenrede und Deplatforming außerhalb der Filterblasen wichtig (mehr dazu). Ein Tipp: Wenn ihr sie habt, spannt weitere Familienmitglieder ein, die euch unterstützen. Ist die Schwurbel-Tante in der Minderheit, wird sie eher an ihren Fake News zweifeln.

BESTÄTIGUNGSFEHLER (CONFIRMATION BIAS):

Wir neigen dazu, nur Leuten zuzuhören und Medien zu konsumieren, die unsere eigenen Ansichten bestätigen. An solchen Informationen müssen wir uns nicht reiben oder aufregen. Somit neigen wir dazu, nur Informationen zu erhalten, die unser Weltbild untermauern. Wer ohnehin schon glaubt, dass massiv Menschen an den Impfungen sterben würden, obwohl Studien zeigen, dass Geimpfte statistisch sogar weniger sterben als Ungeimpfte, weil man ständig erfundene Geschichten hört oder Unfälle oder Krebskrankheiten – oder einfach unbekannte Todesursachen – einfach willkürlich zu „Impffolgen“ erklärt, der kriegt nicht mit, wie sicher Impfungen sind – und wie viel sicherer als die Infektion, die wir alle früher oder später bekommen (mehr dazu, noch mehr dazu). Oder man glaubt, dass der Fake-Reichelt-Telegram-Kanal echt sein muss, weil man es erwartet und deshalb nicht nachprüft.

Peinlich: Reitschuster & Co fallen auf Fake-Reichelt-Kanal herein

Es könnte helfen zu zeigen, wie oft Querdenker:innen schon falsch lagen und dass sie widersprüchliche Dinge behaupten. Guckt mal hier vorbei: Knapp 500 nicht eingetroffene Vorhersagen. Und lasst euch nicht davon ablenken, dass Dr. Drosten oder Lauterbach auch mal falsch gelegen haben sollen. Jeder irrt sich mal, das ist kein Freifahrtschein, Dauerlügnern zu glauben, weil es einem passt.

Sorry Querdenker: 472 eurer Prophezeiungen, die NICHT eingetroffen sind

ANKERHEURISTIK (FOCUSING/ANCHORING EFFECT):

Das ist das Überschätzen eines bestimmten Aspekts oder einer einzelnen Information. Wenn man stets nur an einen Teilaspekt oder ein Merkmal denkt, das aber für die Gesamteinschätzung irrelevant ist. Impfgegner:innen – aber auch seriöse Medien – legen medial einen Fokus auf „Impfdurchbrüche“, was beabsichtigt oder nicht den Eindruck erweckt, dass der Effekt der Impfungen fehle oder nicht groß sei. Das ist natürlich irreführend. Wenn von den 1.186 Corona-Patient:innen, die in Deutschland Mitte August bis Anfang September „intensivmedizinisch versorgt“ werden mussten, lediglich 119 gegen Corona geimpft, waren, diese Zahl aber gestiegen ist, heißt das nach wie vor, dass die Impfung zu etwa 90 % vor einem schweren Verlauf schützte (Quelle).

Wenn (besonders in den Risikogruppen) viele geimpft sind, dann können in absoluten Zahlen mehr Geimpfte auf den Intensivstationen sein als Ungeimpfte, aber der Anteil von ihnen ist viel höher. Zum Beispiel: Wenn 99 von 100 Geimpft sind und dort gibt es 2 Impfdurchbrüche und auch der eine Ungeimpfte liegt auf der Intensivstation, dann gibt es doppelte so viele Geimpfte wie Ungeimpfte auf der ITS. Aber man sieht, dass 100 % der Ungeimpften auf der Intensivstation landeten und nur knapp 2 % der Geimpften. Mit Sicherheitsgurten ist es genau so: Die meisten Unfallopfer waren angeschnallt, aber wir wissen ja alle, dass Gurte funktionieren. Weil die meisten halt auch angeschnallt sind. (mehr dazu) (mehr dazu). Impfgegner:innen werden diese logische Erklärung aber nicht akzeptieren – oder gar nie zu hören kriegen.

Warum es ein gutes Zeichen ist, wenn unter Hospitalisierten viele Geimpfte sind

Wenn also jemand mit irgendeiner Zahl oder einer (vermeintlichen) Tatsache daherkommt, fokussiert euch nicht auf die, sondern kontert mit den Infos und Studien, die diese Person verschweigt und die die Zahl in den Kontext setzt.

DOCH WIE IST JETZT EIN DIALOG MÖGLICH?

Kommen wir zurück zu euren Weihnachtsfeiern. Wenn ihr an den Feiertagen Verschwörungsmythen, Desinformation und Fake News rund um Corona und Impfungen etwas dagegen halten wollt – und ihr müsst nicht, wohlgemerkt – müsst ihr folgendes beachten:

„Man muss ihre Sorgen ernst nehmen.“ Klingt erstmal scheiße, aber da ist leider etwas dran. Die meisten Menschen sind verunsichert. Eine derartige Krise haben die meisten von uns noch nie erlebt. Man macht sich Sorgen: Impfquoten, Impfdurchbrüche, Intensivstationen. Man möchte „Insider-Infos“ teilen, um Menschen zu warnen und sich sicherer fühlen. Deshalb ist es wichtig, alle Menschen, die auch den größten Unsinn teilen, wie gleichwertige Diskussionspartner:innen zu behandeln und sie nicht lächerlich zu machen. Am besten sprichst du sie auch nicht öffentlich an, damit es nicht peinlich wird für sie.

Wenn sich die Menschen (öffentlich) angegriffen fühlen, neigen sie eher dazu, abzuwehren und ihren Stolz zu verteidigen. Diese Menschen sind auch nicht „dumm“, wenn sie so etwas sagen. Beleidigungen und Herablassung zerstören jede Möglichkeit, diese Menschen zu überzeugen und treiben sie im Gegenteil noch tiefer in ihre Überzeugung. Überlegt man sich: Würde man auch jemanden ernst nehmen, der einen zu Beginn der „Diskussion“ erst einmal beleidigt? Ich nicht.

Tatsächlich müsst ihr in die Diskussion hinein gehen und bereit sein, zuzugeben, auch mal falschzuliegen

Das klingt seltsam, aber wenn beide Seiten eine Diskussion anfangen und keine unter keinen Umständen von vornherein bereit ist, ihre Meinung zu revidieren, ist das doch völlig sinnlos. Dann dient die Auseinandersetzung nur noch dazu, sich argumentativ zu profilieren und die Fronten zu verhärten. Und nur weil ihr bereit sein solltet, zuzugeben, dass ihr ganz oder teilweise falschliegen könntet, heißt das natürlich nicht, dass ihr eure Ansichten über Bord werfen werdet – nur wenn es gute Argumente dagegen gibt. Ihr müsst euch nur darauf gefasst machen, dass (in welcher Diskussion auch immer) gute Argumente kommen könnten.

Und ihr solltet euch vorher überlegen, wie ihr damit umgehen werdet. Falls deine Person allerdings wirklich völlig im Sumpf untergegangen ist und ganz extrem drauf ist, lohnt sich vielleicht eher der Kontaktabbruch mit deutlichen Worten, warum. Das Ausgeschlossenwerden kann mehr zum Nachdenken anregen als ein sinnloses Anschreien.

DAS SIND DIE HÜRDEN, DIE EINEM UMDENKEN IM WEG STEHEN

  • Ob eine neue Information akzeptiert wird oder nicht, hängt vor allem zuerst davon ab, ob sie sich für uns „wahr anfühlt“. Etwas fühlt sich wahr an, wenn man sich nicht geistig anstrengen muss, um es zu verstehen und wenn es sich gut anfühlt, es zu glauben. Es muss vertraut sein und es muss unseren Überzeugungen entsprechen (Bestätigungsfehler, confirmation bias). Deshalb ist es wichtig, etwas in Wörtern zu formulieren, die deinem Gegenüber vertraut klingen und Autoritäten zu zitieren, die dieser akzeptiert. (Pro-Tipp: Wenn du auf Volksverpetzer-Recherchen zurückgreifst, zitiere ruhig unsere Quellen oder kopiere unsere Aussagen, ohne zu sagen, woher du das hast!)
  • Die Meinungen und Einstellungen eines Menschen gehören zu seiner Persönlichkeit dazu. Stellst du diese infrage, stellst du die gesamte Person infrage. Das ist auch der Grund, warum ein Mensch um jeden Preis sein positives Selbstbild aufrecht erhalten möchte – und damit auch Dinge, die er oder sie geteilt hat. Es fällt leichter, sich die Wahrheit zurechtzubiegen und unsinnige Dinge zu glauben, als sich einzugestehen, dass man lange Zeit viel Energie hineingesteckt hat, einem Irrglauben zu folgen. Deswegen versuch die Falschinformation von deinem Gegenüber zu Trennen. Nicht „deine Behauptung“, sondern eine Behauptung von dritten, auf die „du hereingefallen bist“ zum Beispiel.

DIE WICHTIGSTEN DINGE, DIE DU BEACHTEN MUSST, WENN DU STARRKÖPFE ÜBERZEUGEN WILLST

1. Führe das Gespräch persönlich.

Wie gesagt, führe solche Gespräche nicht online oder öffentlich. Bei Freund:innen oder Verwandten ist es sinnvoll, sie erst unter zwei Augen anzusprechen. So vermeidet man, sie öffentlich bloßzustellen. Die Hürden sind niedriger, dass sie ihre Fehler eingestehen. Dabei stets betonen, was man gemeinsam hat. Was einen verbindet und betonen, dass die Informiertheit und Position zu Impfungen nur ein kleiner Teil ist, der euch unterscheidet. Weist auf etwas hin, wo ihr euch super versteht, bevor du das Gegenargumentieren anfängst.

Sollte das scheitern oder sinnlos sein, ist hingegen die (sachliche und freundliche) Aufklärung am besten, damit die anderen, die mithören, sehen, dass du die Fakten und die Beweise auf deiner Seite hast.

2. Wiederhole nie den Mythos!

Sobald das Gespräch vorbei ist, werden die Menschen wieder zu ihrer gewohnten Regel zurückkehren, dass schon das stimmen wird, was sich richtig anfühlt. Und wenn du den Falschglauben wiederholst, ist lediglich dieser das, was in der Erinnerung zurückbleibt. Also formuliere keine Nicht-Sätze! Statt: Man wird durch die Impfung nicht steril, sagt lieber: Nach der Impfung bleiben alle fruchtbar (mehr dazu). Nutze dazu die obere Liste an Fakten. Vermeide, dass dein Gegenüber eine Fake News nach der anderen aufzählt, die du widerlegen musst. Gehe nicht auf Ablenkungen, moving the goalpost und Whataboutismen ein. Kontere lieber mit der Liste der Fakten von oben. Soll dein Impfskeptiker Onkel mal versuchen, diese Studien zu widerlegen.

3. Zu viele Argumente können sogar schaden.

Je „leichter“ und einfacher „verfügbar“ ein Argument ist, desto „wahrer“ fühlt es sich an. Menschen glauben leichter einfache Zusammenhänge. Eine große Zahl und komplexe Argumentationen nehmen einer Position ihre Einfachheit und damit ihre Glaubwürdigkeit, je mehr man sich geistig anstrengen muss. Auch schaden schlechte Argumente der Position! Lieber zwei gute Argumente auflisten, als eine unüberschaubare Menge, unter denen möglicherweise sogar eines ist, das man angreifen kann. Man fokussiert sich dann nur noch auf das schlechte Argument und die gesamte Position wird verzerrt. Teile dir deine Fakten gut ein.

4. Kurze, einfache Sätze sind eindringlicher und vertrauter.

Slogans und einprägsame Kampfbegriffe verleihen Glaubwürdigkeit. Auch führt eine leichte Sprache dazu, dass es mehr Menschen zugänglich wird. Wird etwas verstanden, löst das positive Gefühle aus. Du wirst tatsächlich für intelligenter und kompetenter gehalten, wenn du dich simpel ausdrückt. Außerdem sollte man bestimmte ideologische „Buzzwords“ vermeiden, die beim / bei der Gesprächspartner:in Reaktionen triggern könnten. Werft nicht mit Schlagworten um euch, erwähnt vielleicht auch uns nicht beim Namen, sondern „klaut“ einfach unsere Quellensammlung. Nehmt einfache Beispiele, wie oben die Sicherheitsgurte zu den Impfdurchbrüchen.

Falls dein Gegenüber mit einer Welle an Behauptungen kommt, versuche sie nicht (nur) zu widerlegen, sondern stelle einfach kritische Fragen: Wer würde denn davon profitieren? Wäre das nicht längst schon aufgefallen? Ist das überhaupt logisch? Was ist mit anderen Tatsachen? Wurde nicht früher etwas anderes behauptet? Lass dein Gegenüber selbst über die Lücken und Widersprüche stolpern.

5. Vermeide (zu viele) Statistiken und sei stets freundlich.

Menschen schalten bei Zahlen und Fakten schnell ab und können sie sich sowieso nicht merken. Erzähle lieber eine gute Geschichte und von beispielhaften Einzelfällen, als das Gegenüber mit Links von Statistiken und Auswertungen zuzumüllen – Die Mythen, die sie glauben, basieren auch in seltensten Fällen auf Statistiken oder komplexen Zahlenrechnungen. Manchmal ist das allerdings auch sinnvoll, wenn du Statistiken kontern musst. Die Menge an Zahlen kann auch Außenstehende beeindrucken.

Du solltest deinen Gesprächspartner immer freundlich behandeln und sogar loben (wenn es angebracht ist natürlich), wenn du etwas argumentativ erreichen willst. Nie herablassend sein und Kritik behutsam unterbringen. Kritik von außen wird als Bedrohung wahrgenommen und verleitet dazu, die eigenen Standpunkte zu verteidigen, selbst wenn man sie selbst ganz oder Teile davon nicht völlig überzeugend findet.

Aber das alles muss auch Grenzen haben

Du musst dich nicht beleidigen lassen, du musst Menschen, die diskriminierende Einstellungen haben, die Gewalt gegen Andersdenkende gutheißen oder entschuldigen, Rassismus, Antisemitismus, Volksverhetzung nicht mit Samthandschuhen anfassen. So etwas überschreitet die Grenze der Meinungsfreiheit und schadet aktiv anderen Menschen und verletzt die Menschenwürde. Hass ist keine Meinung. Fake News sind keine Meinung. Wenn nichts mehr geht, dürft ihr auch deutliche Worte verwenden. Das mag im Moment kein Umdenken hervorrufen – aber wenn es ein enger Freund oder Verwandter ist, gibt es dem Fake-Gläubigen später zu grübeln. Deutliche Worte aus dem engsten Kreis verhindern vielleicht zumindest eine weitere Radikalisierung – die findet vor allem statt, wenn man immer weiter im Wahn bestärkt wird.

Wenn euch die Konfrontation schmerzt oder zu schwierig ist, lasst es auch. Vermeidet das Thema ruhig, legt euch selbst auf der Weihnachtsfeier ein Moratorium auf, wenn möglich. Ihr seid nicht verantwortlich für eure Angehörigen. Ihr könnt vielleicht so einen positiven Beitrag leisten, aber ihr müsst es auch nicht tun. Die letzten zwei Jahre waren hart, vielleicht hat die Pandemie euch auf die eine oder andere Art einen Menschen gekostet. Ihr dürft auch abschalten und die Zeit im (kleinen am besten) Kreis mit eurer Familie genießen, wenn ihr das wollt.

Es ist nicht euer Job, Fake News aufzuklären. Sondern unserer. Und damit machen wir im neuen Jahr auch wieder weiter – dank eurer Unterstützung. Wir wünschen euch erholsame Feiertage! Bleibt gesund, impft euch, teilt Faktenchecks und versucht eure Kontakte so weit wie möglich zu reduzieren. Wir lesen uns im nächsten Jahr wieder im Kampf für die Wahrheit.

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Artikelbild: LL_studio

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